Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 246)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow, Thomas 243 Völker Gestalt gewann, da sagten wir uns, daß vielleicht Ruthenberg Recht gehabt hatte, am ersten Tag der Katastrophe so aufzutreten. Dieser Gedanke hat sich sogleich mit einer ganzen Reihe alter französischer Ideale verbunden, den Idealen von demokratischer und revolutionärer Tendenz. Als wir während der vier Knegsjahre in den Arbeitermassen, die an der Front und im Hinterland litten, den Versuch machten, alle moralischen Kräfte wachzurufen, die die Möglichkeit schufen, den Kampf bis ans Ende durchzukämpfen, die Leistung hochzuhalten, da war einer der Gedanken, die alle Herzen vibrieren ließen, eine alte instinkthafte Formel, die viele sich gar nicht bewußt machten, die aber immer die Begeisterung hochtrieb, die Idee, daß die Opfer, die man brachte, zur Emanzipation, zur Befreiung aller beitragen müßten. Es mag sein, daß heute unser Frankreich, dieses Frankreich, dessen Traditionen Sie, Freund Sokolow, eben aufriefen, manchmal — als Franzose habe ich wohl das Recht, es zu sagen — seine Tradition ein wenig vergißt, manchmal zu schlafen und nicht immer all die Pflichten sogleich zu verstehen scheint, die seine lange Tradition ihm auferlegt. Aber ich bin sicher, daß sich das französische Volk jedesmal, wenn an diesen Geist, an dieses Gewissen, an dieses tiefe Leben -des Landes appelliert wird, immer wiederfinden wird, um sich mit jenen zu verbinden, die leiden, mit jenen, die sich befreien wollen, mit jenen, die in vollem Bewußtsein das Leben einer Nation leben wollen (Beifall). Und darum, mein verehrter Herr Präsident, wollte ich unbedingt hierherkommen und mit Ihnen die Erinnerungen der Vergangenheit auffrischen, an die Hotels in Paris, wo wir uns trafen, an das kleine Bureau in No. 74 der Rue <le PUniversite, wo sich alle Vertreter der unterdrückten Nationen begegneten; und ich wollte unbedingt auch hierherkommen, um Ihnen zu sagen, daß nach zehn Jahren inmitten all Ihrer Schwierigkeiten, inmitten all Ihrer Leiden, wie allgemein manchmal auch das Schweigen oder die Gleichgültigkeit der europäischen Öffentlichen Meinung sei, alle diejenigen, die dem Gedanken der allgemeinen Befreiung treu geblieben sind, mit Leib und Seele bei Ihnen sind (Stürmischer Beifall). Sie stellen für uns in einer Art von Paradox alles dar, was es in dem Gedanken der nationalen Unabhängigkeit Großes, Schönes und Edles gibt. Mein Land war in der Weltgeschichte der Vertreter der nationalen Freiheit, so wie ein anderes großes Land, sein Nachbar, die große Idee des Weltreichs mit all ihren aufeinanderfolgenden Wandlungen vertreten hat. Für uns verkörpern Sie den nationalen Gedanken in seiner vollkommensten Reinheit. Der Mann, der Historiker, der Philosoph des französischen Nationalgedankens, unser großer Michelet, hat einmal im College de France die Weltgeschichte zusammengefaßt, indem er zeigte, wie sich der Mensch von Generation zu Generation sozusagen von den Banden der Natur losgemacht hat. Er zeigte, wie er von der Stammes- und Sippenherrschaft zum Regime der feudalen Gefolgschaft und später zur Idee der Nation überging, wie er sich allmählich den Mächten entwand, die ihn an den Boden 'und die Natur fesselten, um dem Leben des Geistes freie Bahn zu schaffen. So haben Sie in Ihrem großen Freiheitsstreben den nationalen Gedanken freigemacht, der Ihnen nicht mehr nur eine an die Erde bindende Fessel ist, sondern der Ausdruck eines erhabenen Freiheitsgedankens. Dieses Schauspiel geben Sie der Welt. Nach dem Krieg war ich oft, wenn man über die Paragraphen des Friedensvertrags und ihre Folgen und Wirkungen sprach, erstaunt über die Ängstlichkeit 16*