Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1931-01-01 · 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931 · p. Seite 204

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
Date
1931-01-01
Page
Seite 204 (sequence 207)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3476254-3476288--8012-3484161
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

204 j. Kongreß-Sitzung: Generaldebatte Revisionisten, Herr Jabotinsky, sich gezwungen sah, die Mitverantwortung für dieses Weißbuch zu übernehmen (BELILO WSKY: Das stimmt nicht!). Ich möchte sonst auf Zwischenrufe nicht eingehen, aber auf diesen werde ich antworten, weil er mit der Frage des Mutes und der persönlichen Sauberkeit zu tun hat. Ein Minister übernimmt die Mitverantwortung, solange er im Kabinett verbleibt. Wenn er die Mitverantwortung nicht tragen kann, so muß er demonstrativ austreten (Beifall). Es war ungeheuer interessant, daß dieser Austritt nicht erfolgt ist, daß aber etwas geschah, was politisch meines Erachtens nicht zu rechtfertigen ist, ein Ableugnen der vollen Verantwortung — verständlich, aber nicht zu rechtfertigen. Ich verstehe diese Handlungsweise Jabotinskys sehr gut, da sie unter dem Druck äußerer Verhältnisse erfolgte, und möchte daraus den Schluß ziehen, daß alle politischen Entschließungen der Welt unter Druck erfolgen. Wenn man allein auf der Welt ist, das heißt, sich nicht politisch verhält, nicht Beziehungen zwischen sich und anderen sucht, kann man erklären, was man will, dann gibt es keine Grenzen, dann sind aber auch alle Erklärungen, die man hier so gern und unter so lautem und so wohl funktionierendem Beifall abgibt, viel zu wenig weitgehend (Beifall und Unruhe). Ich behauptete nur, daß jede politische Äußerung von der Situation abhängt, in der man sich befindet, und daß man mit größtem Mißtrauen politischen Erklärungen gegenüberstehen muß, die ausschließlich mit Analogien aus der Geschichte, ohne Rücksicht auf die aktuellen Verhältnisse, arbeiten. Gerade der Zionismus hat sich als politische Bewegung innerhalb der jüdischen Welt dadurch ausgezeichnet, daß er ohne Analogien, nur unter Berücksichtigung der aktuellen Notwendigkeit, seine Entschlüsse faßte. Wir bewundern daher die Weisheit der Mitglieder des ersten Kongresses, die dem Basler Programm zustimmten und keiner anderen Resolution, weil sie glaubten, daß eben diese Formel der Situation entsprach. Wir bewunderten Herzl auch in dem Momente, als er erklärte, wir seien an eine eiserne Mauer gekommen, und wir folgten Wolffsohn und Nordau, als sie Judenstaat und Charter offiziell von der Kongreßtribüne aus verleugneten. Denn wir wußten: Gerade darin liegt politische Reife. Große Politik beginnt erst in dem Augenblick, wo sie nicht identisch ist mit Propaganda und mit Wunschbildern- Jene großen Politiker, die in die Weltgeschichte eingingen und denen man Denkmäler setzte, waren diejenigen, die die Kraft hatten, selbst gegen demagogische Forderungen aufzutreten, aber im entscheidenden Moment als Vertreter der nationalen Hoffnungen das politisch Mögliche in die Wirklichkeit umzusetzen (Zwischenruf: Zum Beispiel das Weißbuch!). Es käme also darauf an festzustellen: Was ist möglich und was ist im Augenblick das Gegebene? Man hat sich bemüht, mit Analogien zu operieren, und hat ganze Welten der Vergangenheit durch historische Hinweise bemüht. Z. B. hat ein Redner die Geschichte von David und Goliath vorgetragen. Ich möchte fragen, ob dieser Vorgang des Zweikampfes sich oft in der jüdischen Geschichte wiederholt hat und ob man glaubt, daß diese Geschichte als politisches Argument zu verwerten ist. Man sagt, das Weißbuch vom Jahre 1922 haben wir leider unterschrieben. Ein hervorragender Parteiführer meinte auf dem vorigen Kongreß: Gewiß haben wir unterschrieben, aber wir können und müssen uns durch „Kol Nidre" von unseren Verpflichtungen befreien. Nun weiß ich nicht, ob Kol Nidre eine Sache ist, die, an die Adresse von England gerichtet, von Wirkung ist und ob es auch nicht für England dann die Möglichkeit des Vertragsbruches gibt.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.