Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 189 (sequence 192)
- Language
- German, English, Hebrew
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Locker, Motzkin 189 Ich kenne noch einen Gedanken, der sehr populär in den revisionistischen Reihen war und den sie, wie ich fürchte, noch nicht aufgegeben haben. Er lautet: Solange sich die politische Situation nicht ändert, keinen Dunam Boden kaufen, keinen Menschen hineinschicken; wir werden es ihnen schon zeigen! Wenn ich in dieser ernsten Zeit von diesem Pause-Gedanken, der von Lenin entlehnt ist, und von dem Non-Cooperation-Gedanken nach Gandhi'schem Muster höre, dann erinnere ich mich immer an den Witz von dem Juden, der sich die Nase abgeschnitten hat, damit seine Frau „Beznosniczka" (nasenlos) genannt werde. Vergessen Sie nicht, Sie stehen mit England nicht im Verhältnis einer Ehe; und ich kann Ihnen verraten: Über die'Non-Cooperation und über die „Pause" werden unsere Freunde in England sich ein wenig ärgern. Aber unseren Feinden werden Sie einen großen Dienst erweisen. (LICHTHEIM: Außer Ihnen spricht niemand davon!) Wenn Herr Grossmann der Niemand ist, wenn die revisionistische Presse der Niemand ist, wenn die Artikel revisionistischer Führer im New Yorker „Tog" der Niemand sind, dann hat niemand davon gesprochen (Beifall). Aber gehen wir nun zu den inneren Problemen über. Es ist mir — der ich dem zweiten oder dritten zionistischen Geschlecht angehöre — schwer, mich an einen Mann zu wenden, der der ersten Generation angehört, der seit mehr als 40 Jahren dafür kämpft, daß kein Tag ohne konkrete Arbeit für den Aufbau vorübergehen darf: Ussischkin. Aber es ist das zweitemal, daß ich Herrn Ussischkin sagen muß, daß seine politische Orientation im Widerspruch steht zu diesem Kampf für die konkrete Tat. Herr Ussischkin hat — er nehme es mir nicht übel — einen etwas naiven Blick für gesellschaftliche Erscheinungen. Für ihn gibt es zwei Revisionismen, einen politischen, der ausgezeichnet ist, und einen der Non-Cooperation und der „Pause", der schlecht ist. Man kann diese beiden Revisionismen nicht trennen. Herr Ussischkin, in Ihrer Broschüre „Der Ruf des Bodens" sprechen Sie von Agrarreform, nationalem Boden, freier Arbeit und von dem ganzen Ideenkomplex, der das Wesen des progressiven Zionismus ist. Fragen Sie die Revisionisten, ob Sie das unterschreiben und ihrer Jugend sagen. (Zwischenruf von revisionistischer Seite: „Sie lehren Marx und Lenin!") Ussischkin hat nicht bei Marx gelernt, und doch ist ein Stück Marxismus bei Ussischkin. Und daß man Ihren Namen gemeinsam mit Marx genannt hat, braucht Sie nicht zu beschämen. Die Revisionisten wollen nicht, daß man sie zusammen mit Reaktion und Faschismus nennt. Aber wissen Sie, wer dem Gegner immer das Wort Marx als Schimpfwort entgegenschreit? Hitler und seine Anhänger (Lebhafter Beifall bei den Arbeitervertretern). Sie haben bei ihnen nicht nur das Schimpfwort gelernt, sondern viel mehr. Herr Ussischkin, Sie sind gewiß ein Anhänger nationaler Einheit. Die Revisionisten halten sich gewiß für die nationalste Partei im Zionismus. Ist es nun nicht sonderbar: Am selben Tage, als Hitlers Partei den Deutschen Reichstag verließ, trat Jabotinskys Partei aus dem Waad Leumi aus (Lebhafter Beifall, laute Unruhe bei den Revisionisten. Der Vorsitzende mahnt dringend zur Ruhe, kann sich aber nicht Gehör verschaffen. Schließlich unterbricht der Vorsitzende die Sitzung). Die Sitzung wird nach einer einstündigen Beratung des Kongreßpräsidiums vom Präsidenten des Kongresses wieder eröffnet. VORS. PRÄS. MOTZKIN: Ich erteile Herrn Locker das Wort zu einer Erklärung.