Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
- Date
- 1931-01-01
- Page
- Seite 172 (sequence 175)
- Language
- German, English, Hebrew
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6. Kongreß-Sitzung: Generaldebatte großen Umfange vorstellen wie wir. Wir Ostjuden sind mit den Theorien von Renner und Bauer aufgewachsen, wir haben die österreichische Entwicklung beobachtet; wir haben nie die in England oder Frankreich übliche Verwirrung der Begriffe geteilt, wonach Nationalität mit einem Paß, mit Staatsangehörigkeit zusammenhänge. Unser Begriff der Nationalitätengleichberechtigung wurde vor 25 Jahren in Helsingfors festgelegt. Aber auch dort, wo die vollkommenste Gleichberechtigung der Nationalitäten herrscht, wo zwei ehrliche Kulturvölker sich in voller Gleichheit gegenüberstehen, ist es doch die Wahrheit, daß die Mehrheit dem Staat seinen nationalen Charakter gibt: In Finnland beklagt sich die schwedische Minderheit über keine Zurücksetzung, die Gleichberechtigung ist durchgeführt, die Kultur des Landes ist noch zu einem gewissen Teil schwedisch, aber das Land ist finnisch, weil die Finnen dort die Mehrheit sind. Das ist der Zustand, den wir als den normalen und als den erwünschten betrachten. Meine Damen und Herren! Es tut mir leid, daß ich jetzt vor einem Zionistenkongreß die Frage — als ob es eine Frage wäre — behandeln muß, ob diese Zielsetzung, eine Mehrheit in Palästina zu sein, wirklich den jüdischen Aspirationen entspricht. Man hat es in Abrede gestellt, also muß man diesen Gemeinplatz „beweisen". Es ist nutzlos zu bezweifeln, daß Herzl ein Anhänger des Judenstaates war. Was stellt man sich vor? Herzl habe das Buch „Judenstaat" geschrieben. Aber warum? Weil er an Palästina nicht gedacht hat. Dann hat er Palästina entdeckt und hat sich in Palästina so verliebt, daß er aus Liebe für Palästina den Judenstaatsgedanken preisgegeben hat (Beifall). Ich schlage eine andere Interpretation der Herzlichen Stimmung vor. Er hat den „Judenstaat" geschrieben; dann ist er zu der Überzeugung gekommen, daß das notwendige Pathos des jüdischen Volkes nur für Palästina zu mobilisieren ist, und dann hat er sich gesagt: Also werden wir den Judenstaat in Palästina schaffen. Daher hat Herzl später den Begriff „Charter" proklamiert. Wissen Sie, was „Charter" bedeutet? Charter ist etwas viel Radikaleres als die Auffassung, die ich eben entwickelt habe. Unsere Auffassung ist: zuerst Mehrheit, dann natürlich parlamentarische Institutionen, in denen diese Mehrheit ausschlaggebend ist. Charter für eine Society of Jews ist ein Zustand, unter welchem eine jüdische Verwaltung das Land regiert, bevor die Juden dort zur Mehrheit geworden sind, als Instrument, als eine Art Mandatarmacht für die Kolonisation. Daß in dem Basler Programm dieses Wort „Judenstaat" nicht geschrieben steht? Es war doch 1897, in der Türkei herrschte der Sultan- Damals konnte man ein Programm nur so ausdrücken, wie wir im alten Rußland es tun mußten. Wenn wir unsere politischen Programme verschleierten, wäre es doch nicht korrekt gewesen, diese Programme nach dem Wortlaut zu interpretieren und uns zu sagen: Du hast das Wort „Gleichberechtigung" nicht geschrieben — ich habe es unterlassen, damit man mich nicht ins Gefängnis steckt! — also willst du keine Gleichberechtigung! Und wenn Dr. Max Nordau im Jahre 1916 m einer Einleitung zu einer englischen Broschüre etwas verschleierte, war es doch im Jahre 1916, wo der jungtürkische Fanatismus auf seiner Höhe stand, und er schrieb mit Rücksicht auf die Lage von Zehntausenden von Juden in der Türkei. Man darf diese Vorsicht nicht mißbrauchen, man darf diese Worte nicht als den Ausdruck seines