Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1931-01-01 · 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931 · p. Seite 32

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
Date
1931-01-01
Page
Seite 32 (sequence 35)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3476254-3476288--7840-3483989
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

3* i. Kongreß-Sitzung: Eröffnung wichtig auch die Detailfragen sein mögen — sie sind nicht die Hauptsache. Die Hauptsache liegt auf einem ganz anderen Gebiete. Bei einem Prozeß, wie es der Wiederaufbau eines Landes ist, kann keine praktische Aktivität, keine wissenschaftliche Untersuchung und kein Erwägen ohne eine bestimmte Voraussetzung über die Natur und den Zweck der Dinge zu irgend etwas führen. Nüchterne, ausschließlich auf das Greifbare, auf das Exakte eingestellte Menschen laufen Gefahr, im kleinen Detail die große Idee zu übersehen. Vor vielen Bäumen sehen sie den Wald nicht. Anfang und Ende der zünftigen Experten Weisheit ist mechanische Routine, Berechnung, Messung, Zerlegung des großen Problems in Detailfragen u. dergl. Bei dieser Zersplitterung gehen die gefühlsmäßigen, seelischen Energien und Imponderabilien verloren, die Initiative, die Unternehmungsfreude, der Opfersinn, die nicht nur unzureichende sachliche Gründe ergänzen,, sondern auch zureichende mit dem Antriebe zur praktischen Realisierung ausstatten. Oftmals ist dies gar nicht zu definieren und dem Wesentlichen nach gar nicht äußerlich anzuschauen, sondern kann nur innerlich erlebt werden. Tritt man nicht an dieses Wiedergeburts-Problem mit Vertrauen und Liebe heran, versucht man, es anatomisch, wie einen leblosen Körper, zu zerschneiden, dann gelangt man notwendigerweise zu negativen Resultaten. Auch die tüchtigsten Experten sind Irrtümern ausgesetzt, wie alle Sterblichen. Gott allein ist unfehlbar — würden wir sagen, bedienten wir uns einer theologischen Sprechweise. Wir wollen es einfacher sagen: die Geschichte, der Volksgenius irrt nie. Niemand hat die mechanische Erfahrung einer Renaissance- Bewegung. Der Idealismus ist eine Tugend der Unerfahrenheit. Das Genie eines Volkes wie das eines einzelnen Menschen ist immer unerfahren. Für das Genie ist noch nichts erfunden. Jeder Schöpfer findet am Anfang ein Chaos. In dem Shakespeareschen Ausspruch, daß es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, wovon sich unsere Philosophie nichts träumen läßt, kann man zur Philosophie auch noch die Nationalökonomie hinzufügen. Gott sei Dank, daß wir nicht, bevor wir begonnen haben Tel-Aviv zu bauen oder den Emek zu bepflanzen, Expertenkommissionen aus aller Herren Länder gefragt haben! Hierzu kommt noch die Fatalität der Pogromkommission! Jeden Kenner neuer jüdischer Geschichte mutet die sich wiederholende Erscheinung der fatalen Resultate solcher Kommissionen unheimlich an. Schmerzliche Erinnerungen werden wach. Auf jeden Pogrom pflegte eine Kommission zu folgen. Und da wurde so lange debattiert und diskutiert, bis die Ankläger Angeklagte wurden und eine ganz neue Frage entstand, wie z. B., ob man überhaupt den Juden gestatten solle, auf dem Lande zu wohnen etc. Das Hauptthema: Pogrom — hatte man in der Regel ganz vergessen. So wurde der Spieß umgedreht und die Rollen verwechselt. Ein Jude in Kischinew sagte mir einmal: Gott schütze mich vor Kommissionen, vor Pogromen werde ich mich schon selbst schützen (Lebhafter Beifall). Toute proportion gardee, haben doch die Dinge bei uns ebenfalls einen paradoxalen Verlauf genommen. Ausgangspunkt: Pogrom; hierauf folgte eine Kommission, die so lange untersuchte, bis ein Wirrwarr entstand, in dem der ursprüngliche Zweck in den Hintergrund geschoben wurde. Und das trotz der sehr vernünftigen Regierungsverordnung, nur die unmittelbare Frage der Exzesse zu untersuchen. Es ist klar, daß das jüdische Nationalheim und seine Begünstigung logischer-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.