Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1931-01-01 · 17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931 · p. Seite 30

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
17 (1931) Basel, 30. Juni bis 17. Juli 1931
Date
1931-01-01
Page
Seite 30 (sequence 33)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3476254-3476288--7838-3483987
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

i. Kongreß-Sitzung: Eröffnung mende Entrüstung, heftige Anklagen und ungestüme Aufregung entluden sich mit zügelloser Gewalt auf den zahllosen Versammlungen in den größten Residenzen Europas und Amerikas, wo nichtjüdische Staatsmänner, Volkstribunen und Parteiführer um die Palme des Vorzugs mit den jüdischen Rednern rangen. Mit keinen noch so fürchterlichen anderen Ereignissen hatte sich je die "Weltpresse so eingehend beschäftigt. Es ist naiv zu behaupten, daß dies künstlich gemacht worden ist. Nein! Das war die Folge der beispiellosen Resonanz Palästinas, dessen internationale Bedeutung hundertmal großer ist als seine Flächenausdehnung. Dazu kam auch der große Weltruf des jüdischen Nationalheims. Da war auch das melodramatische Element einer unbeabsichtigten, aber kuriosen Sensation für die große Öffentlichkeit. Ein Attentat gegen Menschen, unter denen viele schon früher im Stiefmutterlande unter der Herrschaft der Tyrannei von Pogromen gelitten hatten, und nun, nach ihrem Mutterland mit Not und Mühe hoffnungsvoll zurückgekehrt, wieder überfallen wurden. Man fragte: Was haben eigentlich diese Menschen verschuldet? Seit Jahrhunderten kursierte in der nichtjüdischen Welt bei solchen Gelegenheiten die bekannte stereotype Antwort: „Diese Menschen sind Zwischenhändler — sie leisten keine produktive Arbeit: Parasiten sind sie und ihre ganze Existenz beruht darauf, daß sie, dank ihrer Tüchtigkeit, die ökonomisch wehrlosen Nichtjuden übervorteilen und ausbeuten. Deshalb hat sich endlich das arme Volk aufgerafft, um dieses Joch von sich abzuschütteln." Wer kennt nicht diesen Text? Wohl ist die ganze Konzeption falsch: die Juden arbeiten überall schwer, sie haben niemandem ein „Joch" auferlegt, und das Volk hat sich nirgends aufgerafft, das „Joch abzuschütteln". Dieser „Rechtfertigungsgrund" war eigentlich überall ein Teil der Pogrom-Ideologie. Aber da war wenigstens die Ausrede: die Juden sind Händler. Nun sind diese Juden Arbeiter, Ackerbaupioniere, Urproduzenten, an ihre Scholle festgeklammert — von unmittelbarer primitiver Urwüchsigkeit, ein Menschentypus, den sich jedes Land wünschen möchte; Menschen, die wirklich im Schweiße ihres Angesichtes ihr kümmerliches Brot verdienen; Neujuden, wie sie die Welt zuvor kaum gesehen, und für die sie sich jetzt zu begeistern anfängt; Menschen, die überhaupt keine Ausnützung anderer Menschen kennen. Wann und wo haben diese Urproduzenten jemanden ausgebeutet? In welches Gelächter müßte die öffentliche Meinung der Welt ausbrechen, wäre die Dummheit dieses Widerspruches der Haßmotive nicht so unendlich traurig! Und diese Menschen sind doch eigentlich ermutigt worden, ins Land ihrer Väter zu kommen! Es geht doch nicht, ein solches Lebensproblem mit juristischer Rabulistik zu behandeln, in der man überhaupt nicht mehr sachliche Elemente gegen einander abwägt, sondern nur noch Begriffe einen abstrakten Kampf ausführen läßt! Man muß doch die Menschen menschlich verstehen. Seit zweitausend Jahren leidet und schwärmt und hofft dieses Volk auf die Rückkehr nach dem Lande seiner Ahnen — endlich einmal ist das erlösende Wort „Jüdisches Nationalheim'' offiziell proklamiert, bestätigt, ratifiziert worden! Müßte nicht dieses Volk endgültig an der Menschheit verzweifeln, wenn es, da es jetzt wieder auf dem historischen Boden baut und arbeitet, aufs neue zum Gegenstand hetzerischer Anfeindungen gemacht wird, weil es baut und arbeitet und weil es an dem feierlichen Bündnis („solemn covenant" — nannte es Lord Balfour) festhält und es zu verwirklichen sucht?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.