Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 566 (sequence 704)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476286--7716-3483864- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
566 1. COUNCIL-SITZUNG: Eröffnungsreden stinas die Hoffnung auf eine Wiederbelebung des jüdischen Volkstums verbunden, die Hoffnung auf eine neue jüdische Produktivität, die durch ihre Schöpfungen die Menschheitskultur bereichern und so die Stellung des Judentums in der Welt grundsätzlich verändern könnte. Unser Ideal war die Vision eines neuen Volkes, das, aus der Enge des Gettos und aus der ewigen Furcht vor Missverständnissen und Missdeutungen befreit, sein eigenes Leben auf der eigenen Scholle lebt, ein Volk aufrechter Menschen, mit dem Bewusstsein eines grossen historischen Erbes, das verbunden ist sowohl mit dem Volke Israel wie mit dem Boden des Landes Palästina. Wir glauben, dass dies kein künstlicher Gedanke war, sondern ein notwendiges Ergebnis des eigentümlichen Zusammentreffens der originalen jüdischen Welt mit dem europäischen Geist im vergangenen Jahrhundert. Es entstand eine elementare Bewegung der nationalen Selbstbejahung im Judentum, deren deutlichstes Merkmal vielleicht die Entwicklung der modernen jüdischen Literatur, insbesondere in hebräischer Sprache, ist. Diese Bewegung führte immer wieder Juden nach Palästina, dem Lande unserer Vergangenheit, das im Volksempfinden auch das Land unserer Zukunft war. Wir Zionisten haben mehrere Jahrzehnte für die Verwirklichung dieser Idee gekämpft und wir fanden nicht die Zustimmung des gesamten Judentums. Wir fanden Gegnerschaft und vielfach stiessen wir auf Missverständnisse, aber in dieser historischen Stunde dürfen wir wohl aussprechen, dass solche Kämpfe der natürliche Ablauf eines historischen Prozesses sind und dass durch diesen Prozess die Entwicklung der Geschichte geformt wird. Meine Damen und Herren! Durch die politischen Ereignisse, die ich am Anfang meiner Rede erwähnte, haben sich die Verhältnisse grundlegend geändert. Wir stehen heute vor Tatsachen, deren zwingender Gewalt sich niemand entziehen kann und vor deren Ansturm alle Meinungsverschiedenheiten, alle im Laufe der Zeit entstandenen Parteigegensätzc im Judentum klein erscheinen. Ich will nur zwei dieser Tatsachenkomplexe hier hervorheben. Der eine ist gegeben durch das Palästina-Mandat und die Erwartungen, die die ganze Welt an die jüdische Aufbauarbeit in Palästina knüpft. Der andere, vielleicht noch bedeutungsvollere Tatsachenkomplex ist die Veränderung der jüdischen Welt nach dem Kriege, charakterisiert durch den materiellen Zusammenbruch des osteuropäischen Judentums, das bis 1914 das kulturelle Kräftereservoir des ganzen Judentums gewesen war, und durch die Einwanderungssperre in den überseeischen Ländern, die einer der gewaltigsten Erscheinungen des jüdischen Lebens des letzten halben Jahrhunderts, der Auswanderung grosser jüdischer Massen vor allem in die Vereinigten Staaten von Amerika, mit einemmal ein Ende gesetzt hat. Durch diese Tatsachen erscheint Palästina heute in einem ganz andern Lichte. Es bietet sich von selbst als die zentrale jüdische Aufgabe dar. Wir glauben, dass in Palästina Möglichkeiten gegeben sind für die Schaffung eines jüdischen Lebens in grossem Umfang, für die Gründung und Sicherung jüdischer Existenzen und zu-