Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1929-01-01 · 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929 · p. Seite 334

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
Date
1929-01-01
Page
Seite 334 (sequence 472)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3476254-3476286--7484-3483632
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

334 12. KONGRESS-SITZUNG: Referate über hebr. Kulturarbeit in der Diaspora Repatriierung und die Repatriierung ist ein Weg zur Tradition. So unterstützen sie sich gegenseitig. Es gibt da zwei Gesichtspunkte: Vollendung und Fortschritt. Vollendung besitzt jüdische Tradition gewiss; Fortschritt erstreben die, welche sich von ihr unabhängig machen wollen. Beharren wir bei der Vollendung und suchen wir Fortschritt von der Vollendung aus, geben wir aber einem scheinbaren Fortschritt zuliebe die Vollendung nicht auf, die wir hatten und die leicht zerschlagen werden könnte. Das, was für uns charakteristisch ist und bleiben muss, ist die Halachah als das, was unser Leben führt, normiert und formt. Und dies ist auch ein Gebiet, auf dem wir uns treffen können, selbst von verschiedener Weltanschauung aus. Auch wenn man einen Augenblick vom dogmatischen Unterbau abstrahiert, bleibt die Halachah ein unendliches, gewaltiges System für Leben und Fühlen und Denken und geistiges Schaffen, wie bei keinem andern Volk. Die Halachah hat uns gross gemacht und hat unseren Geist geschärft, dass er fähig wurde, auch auf anderen Gebieten Hervorragendes zu leisten. Die Halachah ist gleichzeitig der Träger der grossen hebräischen Literatur, die das Beste ist, was wir besitzen, und hat alle Typen der Literatur hervorgebracht, sowohl die halachische Exegese als die Systematik, als auch die kasuistische Produktion. Die ers«.e Stufe war die Exegese. Daraus ergab sich allmählich schon in der Mischnah und im Talmud die Systematik. Und schätzen Sie nicht gering die Scheeloth und Teschuboth; denn dieser Zweig der Literatur zeigt das wahre und ungetrübte Leben des Volkes; hier zeigt das Volk, dass es nicht nur denken kann, sondern dass es sich auch am Leben erhalten will. Es ist unmöglich, auf das Absolute, Normative zu verzichten, das von der Halachah ausgeht. Lehren Sie das Ihre Kinder und vergessen Sie nicht, dass unsere Gegenwart reich ist an Demoralisierung auch in geistiger Hinsicht. Die moderne Geisteshaltung, die Skepsis, die Psychologisierung des Menschen ist eine Gefahr, wir müssen die Ethisierung durchführen, wir haben aber durchaus nicht die schöpferische Ethik, die uns gewährleisten könnte, dass auch Menschen, die frei von Halachah sind, ein System aufführen können, das alle Menschen wieder in eine ethische Höhe emporhebt, die Demut und religiösen Adel zum Fundament hat. Wir wissen aber, dass unser System das fertig gebracht hat, und es liegt an Ihnen und uns, zu zeigen, dass dieses System heute noch imstande ist, Jüdische Menschen auf die höchste Höhe zu heben. Was Agadah für die jüdische Dichtung bedeutet, brauche ich nicht auszuführen. Ich kann mich auf die Dichter berufen. Die Richtung und die Gruppe, die ich vertrete (und Sie sollen einmal vergessen, dass es auch politische Differenzen und Auseinandersetzungen gibt; wir sprechen von dem, was das wahre Fundament unserer Richtung ist und was Sie anerkennen sollen), will die ungebrochene Fort-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.