Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 248 (sequence 386)
- Language
- German, English, Hebrew
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248 Zehnte Sitzung. Sonntag, den 4. August, nachmittags. Beginn der Sitzung: 16 Uhr 30 Min. Vorsitz: Vizepräsident Meir Berlin. Nahum Sokolow (Präsident des Kongresses — spricht deutsch): Wir haben die traurige und heilige Pflicht, unsere Toten zu ehren. (Die Anwesenden erheben sich.) Der Tod hat reiche Ernte in unsern Reihen gehalten; des Schnitters Sichel kreiste schonungslos. Wir beklagen den Tod des Oberrabbiners Dr. H. P. C h a j e s aus Wien, gewesenen Präsidenten des A. C. Was wir in Chajes verloren haben, was das ganze Judentum, die jüdische Wissenschaft, die jüdische Politik an Chajes verloren hat, erübrigt sich hier zu sagen. Als Gelehrter, als Mensch, als Jude, als Zionist, als Rabbiner war Chajes ein Idealmensch, seine Tätigkeit war ein Vorbild und verdient ein Vorbild zu bleiben für alle Zeiten. Abkömmling einer berühmten Rabbinerfamilie, hat er es verstanden, in seiner Tätigkeit den Westen mit dem Osten, Zionismus mit Judentum und mit Menschentum im besten Sinne dieses Wortes harmonisch zu vereinen, wie nur wenige in unserer Zeit. Seine universelle Persönlichkeit vereinigte die Gegensätze, die in den Kulturrichtungen einander bekämpfen und einschränken. Mit dem Freimut des Ethikers verband er die Begeisterung für die Religion, die er liebte und lehrte, und den Spürsinn für ihre Ursprünge im Göttlichen und in der Weltgeschichte und mit dem Seherblick des Weltbürgers die herrliche Eigenart eines national-jüdischen Priesters und Propheten. Mit Chajim Jechiel Bornstein aus Warschau ist eine der ehrwürdigsten Greisengestalten in unserer Gelehrtenwelt den Blicken der Mitlebenden entrückt worden. Eine überragende Persönlichkeit, bis ins höchste Alter im Vollbesitze ausserordentlicher Kräfte des Geistes und Willens und nie ermüdender Schaffenslust war Ch. J. Bornstein für jeden Freund unserer hebräischen Literatur und jüdischen Wissenschaft von ganz ungewöhnlicher Bedeutung. Er war ein verständnisvoller Mitarbeiter zionistischer Kulturbestrebungen. Er hinterlässt eine Lücke, die wir dauernd schmerzlich empfunden werden, und ein nie verblassendes, ehrenvolles Andenken.