Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 206 (sequence 344)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476286--7356-3483504- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
206 8. KONGRE5S-SITZUNG: Generaldebatte von Gott verziehen, nur dem nicht, der da sagt: Ich werde sündigen, dann bleibt mir ja noch immer die Teschubah übrig. Dem wird nicht verziehen. Ich will es rein vom Menschen aus ausdrücken: Wer um des Guten willen das Böse getan hat, zerstört die eigene Seele so, dass er nicht mehr fähig sein wird, das Gute zu tun. Das gilt wie für den einzelnen so auch für die Gemeinschaft. Aber verstehen Sie mich recht, ich spreche nicht von der Moral; ich sage nicht, es ist moralisch schlecht; kh sage, es ist politisch schlecht, d. h. schlecht im Hinblick auf die Erreichung von Zwecken. Freilich, politisch im Sinne einer grossen Politik, die nicht bloss den Zweck des nächsten Augenblicks will, sondern den Zweck des Zeitalters. Es ist mit Zweck und Mittel nicht so, dass der Zweck vom Mittel unabhängig wäre. Der Zweck heiligt nicht das Mittel, aber das Mittel verkehrt den Zweck, es verdrängt ihn. Was mit einem des Zweckes unwürdigen Mittel erreicht wird, hat nicht mehr den Charakter des ursprünglichen Zwecks, sondern es hat den des angewandten Mittels angenommen: das Mittel färbt ab auf den Zweck. Sie mögen mir die Frage entgegenhalten: Wenn wir die übliche Machtpolitik nicht mitmachen, wie sichern wir uns dann? Wie sichern wir den Jischuw, das beginnende Volksland in Palästina? Darauf antworte ich: Keine Sicherung, die wir erdenken könnten, ist so real, wie diese: eine Macht im Geiste zu werden, die neue Formen des Völkerlebens stiftet, neue Beziehungen zwischen den Nationen vorlebt, einen echten Bund zwischen Orient und Okzident bereiten hilft und von da aus, von dieser Arbeit aus und auf ihrem Grunde mit den Zukunfts dementen aller Völker sich verbündet. Ich erinnere mich daran, was ein grosser deutscher Gelehrter, Max Weber, mir einmal über den Zionismus gesagt hat: Wenn ihr — so etwa sagte er — einen kleinen Staat neben den andern kleinen Staaten errichtet, wird er mit ihnen an der Peripherie der Geschichte stehen und mit ihnen belanglos bleiben, bis er mit ihnen hinweggespült wird. Aber, wenn es geschähe, dass ihr eine geistige Macht aufrichtet, dann würde sie im Kern der Geschichte bleiben, und sie würde dauern. Noch einmal: nicht ein Früher und Später! Wenn wir nicht jetzt und hier, in den Bedingungen und Entscheidungen unserer alltäglichen Stunden damit beginnen, werden wir es nie erfüllen. Das halte ich für die einzige rechtmässige Antwort an die heutige Jugend des jüdischen Volkes. Nicht eine nationalistische Assimilation, die den andern Nationalismen nachhinkt, ist unsere Sache, sondern eine nationale Chaluziuth, die den andern Nationalismen bahnbrechend voranschreitet. Ich kann hier nicht ausführen, wie dies auf allen Gebieten des Lebens anzuwenden ist. Es gibt keine allgemeinen Formeln. Jeder wird an der Stelle, wo er steht, Tag um Tag, die Verantwortung erfahren. Aber zwei grosse Beispiele möchte ich Ihnen geben; vielmehr, es sind nicht Beispiele, es sind die zwei grossen Bezirke der Verwirklichung in Palästina, in der äusseren und in der inneren Politik.