Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 345)
- Language
- German, English, Hebrew
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Buber 207 Das eine ist die Araberfrage. Ich spreche von ihr, den Blick ernst und klar auf die Tatsachen gerichtet, in all ihren harten, grausamen Schwierigkeiten. Trotzdem — nein, eben deshalb sage ich, dass sich auch in dieser Frage in unserer Mitte eine nationalistische Assimilation breitmacht. Erinnern wir uns daran — vielmehr, wir brauchen uns nicht erst zu erinnern, jede Stunde unseres Lebens trägt das Zeichen davon —, wie die andern Völker uns angesehen haben und allerorten noch ansehen, als das Fremde, als das Niedrigere. Hüten wir uns davor, das, was uns fremd und nicht genügend bekannt ist, als das Niedrigere anzusehen und so zu behandeln! Hüten wir uns, das, was uns widerfahren ist, nunmehr selbst zu tun! Gewiss — ich betone es nochmals — ist Selbstbehauptung die selbstverständliche Voraussetzung aller unserer Handlungen; aber sie ist nicht genug; es gehört auch Phantasie dazu: die Fähigkeit, sich die Seele des andern, des Fremden nach der Wirklichkeit der eigenen vorzustellen. Ich darf ein Bekenntnis nicht verschweigen: es war für mich erschreckend in Palästina, wie wenig wir den arabischen Menschen kennen. Ich täusche mich nicht, ich lüge mir nicht vor, dass gegenwärtig eine Interessenharmonie zwischen den Arabern und uns bestünde oder einfach hergestellt werden könnte. Aber dennoch, bei aller ernsten Interessenverschiedenheit, die nicht bloss aus Illusion und nicht bloss aus Politik kommt, bei all dem ist eine gemeinsame Landespolitik möglich, weil dort und hier dieses Land geliebt wird, dort und hier die Zukunft dieses Landes gewollt wird, also gemeinsam geliebt und gemeinsam gewollt wird: darum ist es möglich, für dieses Land gemeinsam zu arbeiten. Viele von uns sagen: Wir wollen nicht majorisiert werden; und ich sage es mit ihnen. Aber ich möchte nicht immer wieder zwischen diesen Worten, dass wir nicht majorisiert werden wollen, die Worte lesen müssen: sondern wir wollen majorisieren. Es muss heissen: Wir wollen nicht majorisiert werden und nicht majorisieren. Aber verlangen Sie keine Rezepte von mir in einer Sache, welche die schwere Uebung persönlicher Verantwortung in tausend kleinen Entscheidungen verlangt. Nicht Deklarationen wollen wir mehr abgeben, nicht mehr allgemeine Resolutionen fassen, sondern die praktische Wirklichkeit jeder Stunde soll zeigen, wie wir es meinen. In der Praxis haben wir es zu erweisen: in der Politik, in der Kultur, in der Gesellschaft und in den Beziehungen von Mensch zu Mensch. Ich möchte vorschlagen, dass als Zeichen dieses Willens eine ständige Kommission in Palästina eingesezt werde, die als beratendes Organ der Palästina-Exekutive bei allen die Araberfrage berührenden Angelegenheiten zu fungieren hat. (Rufe: Brith Schalom.) Manchen ist dieses widerwärtig. Für mich und für diejenigen, welche die historische Situation, in der wir stehen, so kritisch ernst ansehen wie ich und nicht mit Phrasen darauf antworten, für die gilt es den Anfang einer neuen Epoche, die nicht mehr deklariert, sondern handelt. Ohne Rezepte; denn für das wirklich verantwortliche Handeln gibt es eine Richtung, aber kein Rezept.