Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 202 (sequence 340)
- Language
- German, English, Hebrew
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202 8. KONGRESS-SITZUNG: Generaldebatte Die Klagemauer! Wer von uns erinnert sich nicht an seine Kinderjahre, wo man mit einer heiligen Sehnsucht von der Klagemauer sprach! Welche Hoffnungen und Gefühle hat dieser heilige Ort, der einzige Zeuge unserer Grösse und Niederlage, unseres Heldentums und Leidens in jedem von uns geweckt! Sogar die Türken haben es nie gewagt, diese jüdische heilige Stätte anzutasten. Jetzt ist der Kotel Maarawi durch die Mandatarmacht ein Objekt politischen Spieles geworden. Als die Nachricht von der Entweihung unseres heiligsten Feiertags und unserer heiligsten Stätte durch einen englischen Polizisten in das Galuth kam, hat sie eine tiefe Erschütterung und eine aussergewöhnliche Empörung in jeder jüdischen Seele, ungeachtet der politischen und sozialen Ueberzeugung, hervorgerufen. Was ist nun geschehen? Unsere Exekutive hat wegen dieser Sache bei der Regierung interpelliert, hat eine kurze Antwort bekommen, es müsse beim Status quo bleiben. Heisst es Status quo, dass die Juden am heiligen Tage nicht einmal einen Vorhang zwischen Männern und Frauen aufhängen können, dass die Araber dagegen das Recht haben, bei der heiligen Mauer zu mauern, Durchgänge zu machen und die Juden in ihrem Gebet zu stören? Es sind soeben Nachrichten aus Palästina angelangt, dass die Zentralregierung in London den Arabern die Erlaubnis für die Arbeiten an der Klagemauer erteilt hat. Das ganze Land ist aufgebracht, und wenn es die Judenheit in der ganzen Welt erfährt, wird sie diese Tat mit Recht als geistigen Pogrom betrachten. Ein geistiger Pogrom ist schrecklicher als ein materieller Pogrom. Es muss in diesem Saal eine Klage erhoben werden, welche die Wände dieses Saales durchbricht und bis nach London und Jerusalem dringt. Es muss hier ein scharfer Protest erhoben werden, der die ganze Welt umläuft und nach London und Jerusalem dringt. Dieser Missetat muss sofort ein Ende gemacht werden. Wie wir hören, erlaubt die Palästinaregierung auch nicht den Juden, am Grabe unserer Mutter Rachel notwendige Renovierungen zu vollziehen. Sie behauptet, sie werde es allein durchführen. Warum tut sie das? Sie will nämlich wieder keine Präzedenzfälle schaffen, welche doch nur beweisen könnten, dass das Grab Rachels ein jüdischer Besitz und eine jüdische heilige Stätte ist. So liegen die wahren Verhältnisse in Erez Israel. In dem Referat Dr. Ruppins klangen diesmal ganz neue Töne an. Herr Dr. Ruppin macht auf den Mangel traditioneller Erziehung, einer religiösen Atmosphäre bei der Jugend aufmerksam. Diese Wendung in den Anschauungen Dr. Ruppins ist besonders für die Misrachisten erfreulich. Es tut mir nur leid, dass Herr Dr. Ruppin nicht die Wege angegeben hat, wie diese traditionelle Erziehung in Palästina zu schaffen ist. Es ist ja kein Geheimnis, dass in Palästina alle Mittel angewendet werden, um alles, was zur religiösen Erziehung gehört, zu untergraben und zu vernichten. Der Misrachi hat unter seiner Aufsicht und Leitung etwa 7000 Schulkinder, d. h. etwa 40 Prozent der Gesamtzahl der Schul-