Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 16 (1929) Zürich, 28. Juli bis 14. August 1929
- Date
- 1929-01-01
- Page
- Seite 48 (sequence 186)
- Language
- German, English, Hebrew
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48 2. KONGRESS-SITZUNG: Referat über die Bedeutung Palästinas der Genossenschaften für Kredit, für Einkauf und Verkauf, für Bauten, für öffentliche Arbeiten, für landwirtschaftliche Arbeit ist so gross, dass man Palästina heute das kooperative Land nennen kann. Die ärztliche Fürsorge unter den Arbeitern ist, trotzdem der Staat hierzu keinerlei Beiträge leistet, vorbildlich organisiert. Wenn man bedenkt, dass alle diese neuen Leistungen in ganz kurzer Zeit geschaffen worden sind, so ist die Hoffnung berechtigt, dass der Drang der Juden nach Schaffung neuer sozialer Formen in Palästina in der Zukunft noch manche Frucht tragen wird. Die neue soziale Ethik Vor mehr als zwei Jahrtausenden haben die jüdischen Propheten zuerst ein hohes ethisches Ideal aufgestellt und den Weg der Menschheit erleuchtet. Die Juden in Palästina können auf der Suche nach neuen besseren Formen des sozialen Zusammenlebens vielleicht zur Schaffung einer neuen sozialen Ethik beitragen, nach der die Menschheit dürstet, und können zeigen, dass der Geist der Propheten noch in ihnen lebendig ist. Ich glaube, dass wir nur durch die Hoffnung auf neue bessere soziale Formen in den breiten Schichten der von Handarbeit Lebenden den Enthusiasmus erhalten können, der mir für den Erfolg unserer Arbeit unerlässlich scheint. Der Enthusiasmus unserer Siedler hat mehr als irgendein anderer Faktor unserer Arbeit Freunde unter Juden und Christen gewonnen. Gerade Nichtzionisten, und zwar wirkliche Businessmen, haben erkannt, dass ohne die Hoffnung auf bessere soziale Lebensformen der Enthusiasmus der grossen Masse der Einwanderer versiegen würde und dass damit ein wertvolles Aktivum für den Aufbau Palästinas verloren ginge. Das Leben in Palästina muss sich zwar, je weiter wir uns von der Pionierperiode entfernen, immer mehr mit Wirtschaftlichkeit durchdringen. Aber Wirtschaftlichkeit allein ohne den vorwärtsstürmenden Enthusiasmus wird ein jüdisches Palästina nicht aufbauen. Wie die Juden in Palästina aus allen Ländern und Schichten der Judenheit stammen, so spiegelt auch ihr religiöses Leben vorerst noch die religiöse Zerrissenheit der Juden in der Diaspora wieder. Aber in Palästina ist die Religion viel enger mit nationalen Empfindungen und mit geschichtlichen Erinnerungen verbunden. Viele religiöse Symbole, deren Sinn in der Diaspora ausgelöscht war, leuchten in Palästina wieder im alten Lichte. Hier kann jedes Kind die Bibel im Urtext lesen und sie mi* dem Lokalkolorit erfüllen, das erst ihr volles Verständnis ermöglicht. Kein Geringerer als Chaim Nahum Bialik setzt sich mit seiner ganzen künstlerischen Gestaltungskraft für die Wiederbelebung religiöser Gebräuche ein. Dem so Geschaffenen wohnt, weil es nicht aus der Studierstube, sondern aus dem Volksleben entspringt, weil es nicht nur gelehrt, sondern gelebt wird, eine