Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 15 (1927) Basel, 30. August bis 11. September 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 196)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476284--6639-3482786- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
6. Sitzung: Generaldebatte Die zweite Vorbedingung dafür, daß wir Privatkapital nach Palästina bringen können, ist ein gewisser psychologischer Burgfriede. Dafür, daß dieser Burgfriede nicht besteht, könnte ich tausende von Beispielen nennen. Ich führe aber nur den Fall jenes Unternehmers in Akko an, den man zwingen wollte, seine Bücher zu zeigen und darzulegen, wieviel er verdient habe. Dieser Druck beweist die psychologische Lage des Kapitals in Palästina. Wir sollten uns klar darüber sein, daß ein ernster Klassenkampf jüdische Arbeit und den Zionismus überhaupt unmöglich macht. Hier ist der Punkt, der die Kolonisation mit der vierten Alijah verbindet. Ich möchte diese Frage nicht sentimental behandeln, obwohl es zweifellos etwas ist, was Begeisterung hervorrufen kann, daß Leute, die Heim, Familie und Vermögen im Ghetto hatten, alles verließen, um ihr Leben mit Erez Israel zu verbinden und am Aufbau des Nationalheimes teilzunehmen. Aber noch wichtiger ist ein anderer, wirtschaftlicher Gesichtspunkt. Wir brauchen Kapital. Nun ist es klar, daß mir ein Millionär von der Fifth Avenue entschieden mehr als ein Kapitalist von der Gensiagasse in Warschau imponiert. Aber der erste kommt vorläufig noch selten nach Palästina. Wo ist die Logik, wo ist die Vernunft, wo ist die staatsmännische Erfahrung, die dieses kollektive Privatkapital, das von Begeisterung nach Palästina getragen wird, vernachlässigt und ignoriert? (Beifall.) Nun will ich noch zuletzt auf die Organisationsfragen eingehen. Ich muß es entschieden betonen: Die Struktur der Organisation, in der sich ein ungeheurer Partei- und Fraktionsgeist entwickelt hat, ist Schuld daran, daß keine Eeformen möglich sind. Wir verdanken es vor allem dem Fraktionsgeiste, daß es in Palästina unnötige und kostspielige Parallelwirtschaften gibt. Es gibt eine zionistische Bank und eine Bank des Misrachi und eine Bank der Arbeiter. Es gibt drei verschiedene Erziehungssysteme, die von verschiedenen politischen Gruppen verwaltet werden. Es gibt zwei Sanitätssysteme, die nicht gerade in musterhafter Harmonie zusammenleben. Dem Fraktionsgeiste haben wir aber noch etwas Schlimmeres zu verdanken: unsere Defizitwirtschaft. Eine wirtschaftliche Institution kann normal arbeiten nur unter der Voraussetzung, daß jemand für sie wirklich verantwortlich ist. Wenn aber ein Parteidelegierter die wirtschaftliche Institution leitet, so weiß er von vornherein, daß alles, was er tut, von seiner Partei gedeckt werden wird und daß die Partei allen Druck ausüben wird, um für seine Defizite Deckung aus zionistischen Mitteln zu sichern. (Heftige Zwischenrufe links.) 154