Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 15 (1927) Basel, 30. August bis 11. September 1927
- Date
- 1927-01-01
- Page
- Seite 15 (sequence 57)
- Language
- German, English, Hebrew
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Sokolow Zweifel zerschellen. Aber Zionismus, wie ihn der erste Kongreß verkündete, ist auch eine klare, nicht mißzuverstehende Lebensanschauung und Gemütsstimmung. Er ist das Gegenteil des chauvinistischen europäischen Nationalismus, dieses Zerrbildes des Patriotis mu s, dieses Götzen der wahngehetzten Völker, den wir hassen und verabscheuen. Er ist das Strebennachhöohster Ausprägung wahrhaft eigenen Wesens, die Autonomie des kollektiven Willens, die Erziehung des Volkes zu einem Edel das ein und zur Ueber- Windung der Knechtschaft. Die Gebote dieser Lehre lassen sich nicht in Paragraphen festlegen. Sie sind klarer, als die mit größter Genauigkeit formulierten Texte eines Gesetzes. Die Andersdenkenden haben dies auch richtig eingeschätzt. Jene jüdische Gemeinde, die uns ihre Gastfreundschaft versagte, hat das nicht beneidenswerte, aber für die Orientierung wichtige Verdienst, die Gegensätze hervorgehoben und die Situation beleuchtet zu haben. Sie hatte den Mut, zu bekennen, daß sie keinen Mut hatte. Klug; aber Galuthklugheit, Ghettovorsicht. Sie glaubte, die Welt werde untergehen, wenn Juden als solche einen Kongreß abhielten. Das waren Ghettoperspektiven, wenn auch mit zierlichen Emanzipationswendungen geschmückt. Diese Propheten waren damals zahlreicher als die Unsrigen, aber wir glaubten ihnen nicht. Unsere Taktik war eine andere: wir Juden wollten nicht als arische Patrizier, Proletarier oder Proletarierpropheten umhergehen. Wir empfanden es einfach als eine Geschmacklosigkeit. Man soll jedem ansehen, was er ist, von wem er abstammt, wer in ihm und wie er lebt. Wir sind in vielen Beziehungen anders, denken anders, fühlen anders, haben eigene Sorgen und eigene Wünsche, also wollten wir auch ungestört beisammen bleiben, eben unserer eigenen Art gemäß. Warum sollten wir es nicht tun, wenn wir freie Menschen sind? Mögen die anderen kommen und uns zuhören! Man soll für die Menschheit arbeiten, man soll die Welt zu verbessern 15