Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1926-01-01 · 14 (1926) Wien, 18. bis 31. August 1925 · p. Seite 237

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
14 (1926) Wien, 18. bis 31. August 1925
Date
1926-01-01
Page
Seite 237 (sequence 248)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3476254-3476282--5947-3482093
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jabotinsky wir dieses Mensehenmaterial wirklich haben, hat schon die Tatsache des letzten Jahres bewiesen. Eine monatliche Einwanderung von dreitausend und mehr ist doch eine Jahreseinwanderung von mehr als 36.000. Wir sind schon der normalen Ziffer nahe, und wollen wir den Zweck erreichen und wollen wir der Judennot abhelfen, dann müssen wir jahraus, jahrein auf dieser Welle bestehen und diese Welle irgendwie im Lande absorbieren und, meine Damen und Herren —- es tut mir leid, wenn es jemandem wehtut, wenn ich es sage —, aber es ist eine ungeheure, beinahe übermenschliche und präzedenzlose Aufgabe. Eine solche Immigration kennt die moderne Geschichte der Immigration nicht. 40.000 pro Jahr für ein Land, wo die Bevölkerung 800.000 beträgt, ist doch fünf Prozent. Die höchste Immigrationswelle nach Nordamerika in den letzten Jahren vor dem Ausbruch des Krieges betrug doch nur eineinhalb, eindreiviertel Prozent Zuwachs im Vergleich zu der bestehenden Bevölkerung, und das war schon für Amerika die Hochwassermarke, das war es, was die ganze Anti-Immigrationsbewegung hervorgerufen hat, weil ein Land von so ungeheuren Ressourcen wie Amerika nicht die Möglichkeit sah, diesen Zuwachs zu absorbieren. Heute stehen wir tatsächlich vor einem solchen Zuwachs im letzten Jahre und fordern mit Notwendigkeit, jahrein, jahraus irgendwie das Problem zu lösen; das verlangen wir von der zionistischen Oeffentlichkeit und von der zionistischen Leitung und von diesem Kongreß. Nicht Freude, sondern Besorgnis muß es doch erwecken, wenn wir uns die Lage klarmachen. Mit diesen Mitteln, mit diesen Privatmitteln und diesem Privatenthusiasmus, dem Enthusiasmus der Arbeit oder dem Enthusiasmus des Keren Hajessod, ohne Staatshilfe, ohne daß der Staat eine aktive Rolle in dem Aufbau des Landes in unserem Sinne, in der Kolonisation des Landes spielt, unter diesen Vorbedingungen hofft die zionistische Welt ein Problem zu lösen, das seinesgleichen in der Geschichte der modernen Kolonisation nicht findet (abgesehen vielleicht von dem Austausch der Bevölkerung zwischen Griechenland und der Türkei, der hier nicht in Betracht kommt)! Wenn wir also vor dieser Immigrationswelle stehen, so gehören wir nicht zu den Kritikern, wir teilen die Juden nicht ein in die erste, zweite, dritte Alijah, wir wissen nicht, ob sie gut oder schlecht sind, wir sehen, es kommt jene Welle. Und wir fragen uns: sind das Einwanderer oder ist es vielleicht eine — Inflation? Wir begegnen in diesem Moment manchmal einem Manne oder einem Volk oder einer Schicht, die unter der Illusion leben, daß sie reich geworden sind; aber der vernünftige Staatsmann weiß, daß die Menge Geldes keine Basis hat und daß es nur eine Inflation ist. Und wir stehen tiefbesorgt vor diesem aufflackernden Optimismus und wir fragen uns: wird es nicht nach ein paar Jahren zu Erscheinungen führen, die dem Zionismus eine tiefe Niederlage, einen schweren Schlag bereiten? Ein ungeheurer Prozentsatz dieser Immigration 237

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.