Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 14 (1926) Wien, 18. bis 31. August 1925
- Date
- 1926-01-01
- Page
- Seite 34 (sequence 45)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476282--5744-3481890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
1. Sitzung: Eröffnung oder stark beeinflussen kann. Nur wir nicht, seit zwei Jahrtausenden nicht. Denn eine jede unserer Gruppen — und wir sind in der ganzen Welt zerstreut — lebt zum großen Teil das Leben des Landes und des Volkes, mit dem und in dem es lebt. Ich will ein konkretes Beispiel gebrauchen. Das deutsche Volk wurde in seiner Kindheit stark von der römischen Kultur beeinflußt. Als das deutsche Volk seine Selbständigkeit, seine Persönlichkeit erkannte, entnahm es der römischen Kultur das, was seiner Eigenart angemessen war, und konnte alles abschütteln, was seinem Wesen nicht entsprach. Das deutsche Volk kann Shakespeare, einen Engländer, zu seinem Dichter machen. Wir können das nicht; die in Deutschland lebenden Juden sind dem größten Teile ihres Wesens nach unter dem Einfluß der deutschen Kultur und können es nicht wissen, welcher Teil unseres Wesens der deutschen, der französischen, der italienischen Kultur sich anschließt, welcher Teil ihr widerspricht. Das ist dasjenige, was ich unter dem „archimedischen Punkt" verstehe. Diese Möglichkeit, einen Punkt zu finden, von dem aus wir den Gesetzen . unseres Genius gemäß unsere Kultur entwickeln können, diesen Punkt vermögen wir nur in Palästina zu finden. Und wir haben ihn gefunden. Von da aus glauben wir der Menschheit Großes zu geben, sie bewegen zu können. Dies ist keine Uebertreibung; wir haben es schon einmal getan, und was wir jetzt in der Zerstreuung, unter den Verhältnissen, die ich eben geschildert habe — und ich spreche von geistigen Verhältnissen — der Kultur aller Völker geschenkt haben, gibt uns das Recht zu sagen, daß wir, wenn wir diesen archimedischen Punkt haben, tatsächlich der Kultur der Menschheit neue Wege weisen können. Wir haben ein Recht, dies zu sagen; nicht nur, indem wir auf die Vorzeit hinweisen, auf die Zeit, in der wir der Menschheit das Buch geschenkt haben, das sie am stärksten beeinflußt hat; wir können auch darauf hinweisen, was uns in der kurzen Zeit unserer Tätigkeit von unserem archimedischen Punkt aus schon gelungen ist. Wir haben 34