Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 13 (1924) Karlsbad, 6. bis 18. August 1923
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 226 (sequence 249)
- Language
- German, English, Hebrew
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unwürdigen Vorwürfe mit Entrüstung ins Gesicht derjenigen, die sie erhoben haben. (Starker Beifall.) Eure Führer sind dazu hier anwesend, um gerechte Kritik anzuhören für die Sünden, die sie begangen haben, aber Eure Führer sind nicht Stätten der Schuttablagerung für alle Leidenschaften von Politikern und Politikastern. (Stürmischer Beifall.) Und wenn Ihr alle in Eurer noblen Entrüstung glaubt, der Sache dadurch gedient zu haben, so irrt Ihr Euch tief und bitter. Euer Führer ist bereit, der erste Diener der Organisation zu sein, aber nicht der letzte. Hausknecht. (Erneuter grosser Beifall.) Die defaitistische Stimmung ist nicht von mir hervorgerufen worden. (Zwischenruf: Und die Rede von Baltimore?) Was ich in der Rede von Baltimore gesagt habe, und das schärfen Sie sich ein, ist, dass wir eine solche Krise, wie wir sie im vorigen Jahre durchgemacht haben, niemals wieder aushalten werden. Man kann nicht systematisch arbeiten und eine lange Front verteidigen, wenn man fortwährend und tagtäglich von hungernden Lehrern und hungernden Chaluzim mit Depeschen bombardiert wird. Ich war in Palästina," ich ging durch die Kolonien, ich sprach mit Lehrern und mit Arbeitern und ich hatte das Gefühl — und wenn Sie ehrlich sind, werden Sie es bestätigen — dass dieser ungeheuere Idealismus, der dort aufgespeichert ist, nicht zu halten ist, wenn der Hunger noch drei Monate dauern und unsere Positionen brechen wird. Keine Partei der Welt, und sei sie noch so stark, kann das auf die Dauer aushalten. Das ist klar und deutlich. Was mich nach Amerika getrieben hat, war nicht das, was mir Saslawsky gesagt hat, sondern was ich in seinen Augen gelesen habe. Ich bin fühlender Mensch genug, um das zu verstehen. Packen Sie mich nicht an einem Worte, das ich vielleicht aus meiner eigenen Bitterkeit heraus in Baltimore gesagt habe. Das hält man auf die Dauer nicht aus, der Zustand muss aufhören, wenn wir überhaupt normal vorwärts kommen wollen. Natürlich, Herr Grünbaum kann warten. Ich habe noch andere Juden gesehen, die warten können. Ich glaube aber, dass die Lage so ist, dass wir nicht warten können; dass wir jeden Tag, den wir nicht vorwärts gehen, rückwärts schreiten, weil die anderen Kräfte vorwärts kommen. Das ist nicht Defaitismus oder Nichtdefaitismus, das ist eine Wertung der Lage, wie sie ist. Es ist lächerlich und kindisch, die Augen zu schliessen und sich vertrösten zu lassen auf etwas, was nicht eintreten kann. Geehrter Kongress! Ich habe nicht die Absicht . . . (Ein Delegierter macht einen unverständlichen Zwischenruf. — Grosse Unruhe im Saale. — Der Vorsitzende gibt wiederholt das Ruhezeichen, bis endlich die Ordner die Ruhe herstellen.) Ich will mit einigen Worten die P r o b 1 e m s t e 11 u n g berühren. Vielleicht irre ich mich in meiner Auffassung, aber ich glaube, dass sich die Verhältnisse im Zionismus nach dem Kriege so gestaltet haben, dass die Probleme, die uns gestellt worden sind, grösser und stärker wurden als die Organisation. Das heisst mit anderen Worten: Während die Probleme von Tag zu Tag mit einer grösseren Intensität wachsen, 226