Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 13 (1924) Karlsbad, 6. bis 18. August 1923
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 215 (sequence 238)
- Language
- German, English, Hebrew
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haben, dass wir auf die Volksmassen verzichten sollen. Im Gegenteil. Aber wir behaupten, dass wir ausser den Volksmassen auch Leute, die Geld und Einfluss besitzen, hereinbringen müssen, Leute, die imstande sind, andere hereinzubringen. Die Volksmassen haben eine besondere Art von Psychologie. Sehr oft, wenn ein bedeutender und einflussreicher Mann zu ihnen kommt, geben sie mehr Geld, als sie einem ihrer eigenen Demokraten geben würden. Ich werde Ihnen ein Geheimnis verraten. Wir hatten Volkswahlen in Amerika für die Ernennung von Delegierten zum amerikanisch-jüdischen Kongress. Es gab da Kandidaten, die die Volksmassen vertraten, volkstümliche Kandidaten; es gab auch Gdolim — Männer, die sich nie unter die Volksmassen mischen. Und >twas ganz Merkwürdiges hat sich zugetragen. Die Volksmassen gaben den Gdolim mehr Stimmen, als den volkstümlichen Kandidaten. Nun, meine Freunde, ich erzähle Ihnen das nicht, weil ich die Volksmassen irgendwie verachte. Ich betrachte mich als einen von ihnen. Aber lasst uns ehrlich gegen uns selber sein; lasst uns die Beschränkungen ebenso anerkennen wie die Vorzüge. Im Lauie von zwei Jahren haben wir in Amerika etwas über vier Millionen Dollar für den Keren Hajessod gesammelt. Wir haben in der ganzen Welt für den Keren Hajessod während zweieinhalb Jahren etwa eine Million Pfund Sterling aufgebracht. In Amerika wurden während etwa sechs Jahren der Sammeltätigkeit für das Hilfswerk 60 Millionen Dollar zusammengebracht — 60 Millionen! Ich kenne die Ziffer genau, weil ich selbst Mitglied des Joint Distribution Committee bin. Woher glauben Sie nun, dass diese 60 Millionen kamen, und wie geschah es, dass eine so grosse Summe aufgebracht werden konnte? Ich weiss natürlich, dass das Hilfswerk etwas ist, was mehr zu allen Juden spricht als die Palästinabewegung, weil die Palästinaarbeit eine gewisse Vertiefung, ein gewisses Verständnis erfordert, ehe man ihr Wesen völlig begreift. Das Hilfswerk ist eine viel einfachere Sache. Man braucht sich bloss eine Vorstellung von dem Hunger und der Nacktheit zu machen. Dem Gelingen der Hilfsarbeit in Amerika liegt aber noch ein anderes Moment zugrunde: Wir konnten diese grosse Summe Geldes aufbringen, weil die einflussreichen Juden — und damit meine ich nicht nur die wenigen, an den Fingein abzuzählenden Männer, die an der höchsten Spitze stehen, sondern die einflussreicjien Juden einer jeden Gemeinde der Vereinigten Staaten — in den Hilfsorganisationen waren. Ihrem Einfluss ist es zuzuschreiben, dass so viel Geld zusammenkam. Nun wollen wir diese Männer in unsere Arbeit hereinziehen. Haben wir einmal die Führer, so werden auch Männer von Einfluss und Ruf in den Gemeinden, die jetzt noch abseits stehen, nachfolgen. Wenn wir die Zeit hätten, könnten wir uns den Luxus eines Erziehungsprozesses leisten. Leider aber haben wir keine Zeit. Palästina wird nicht auf uns warten; die Araber werden nicht auf uns warten. Wir müssen Juden nach Palästina bringen; es ist unsere Aufgabe, sie ohne Zeitverlust dorthin zu bringen. So erkläre ich, dass, wenn Herr Grünbaum hier aufstand und fragte: „Sollen wir abdizieren oder kapitulieren?" dies nichts 215