Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 13 (1924) Karlsbad, 6. bis 18. August 1923
- Date
- 1924-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 232)
- Language
- German, English, Hebrew
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Einschätzung der politischen Situation übers Ziel hinaus geschossen, und daher die übertriebene Zurücknahme der politischen Front, die erst begonnen hat und noch lange nicht zu Ende ist. Wer weiss, wann und wo sie enden wiird! Und da finden wir uns in einem Za-uberkre-is. Der Pessimismus bei der Einschätzung der Lage schuf den Minimalismus im politischen Kurs der Leitung und dieser wieder schuf ihre vollkommene Unterwürfigkeit gegenüber jedem ungünstigen Ereignis. In dieser Zeit eines solchen minimalistischen Kurses wird die Situation von Tag zu Tag schlechter. Aus diesem Zauberkreis müssen wir herauskommen. Aber das ist infolge der Psychologie der eingewurzelten Unterwürfigkeit besonders schwer und an Stelle entscheidender Schritte erzeugt sie sogar eine Ideologie, die die bisherigen Schritte zu rechtfertigen sucht. Es handelt sich nicht nur darum, ob der oder jener Schritt hätte getan werden sollen, sondern wie er getan wurde. Ich will mich auf ein Beispiel beschränken. Ein kleines Experiment war das White Paper. Vielleicht hat man dazu die Zustimmung geben müssen; aber wie hätte man die Zustimmung geben sollen? Nicht im Tone jener vollständigen Zustimmung, die für irgend einen Protest gar keinen Raum lässt, ja nicht einmal für die Andeutung eines Protestes. Und die Situation wurde noch schlimmer, als man sich mit diesem Dokument, mit diesem Verhängnis nicht nur zufrieden gab, sondern sogar seine Zustimmung gab und es liebevoll entgegennahm. Vergeblich beschuldigen unsere Nachbarn auf dem linken Flügel die Leitung, dass sie aus der Not eine Tugend gemacht habe und dass sie an die Stelle unseres Zieles eines unabhängigen Judenstaates ein judaeo-arabisches Surrogat gesetzt hat, das sich mit unserem wahrhaften Ziele in Widerspruch befinde. Unsere Lage ist schwer. Wer ist schuld daran? - Schuld ist sicher die Leitung, welche diesen Weg eingeschlagen hat, schuld sind vielleicht auch jene, welche ihr im Actions-Comite geholfen haben, weil sie nicht im richtigen Augenblick „stop" gesagt haben. So ist die Krise entstanden, sobald der Bankrott des Kurses zutage trat. Einer Beendigung dieser Krise standen nicht nur konstitutionelle Hindernisse im Wege, insofern als das Actions-Comite nicht berechtigt ist, eine neue Leitung zu wählen, sondern vor allem Hindernisse innerer Natur. Für eine aktivistische Politik ist weder das bürgerliche Zentrum der Bewegung reif, noch ist ihr der linke Flügel gewachsen, dessen Stärke in dieser politischen Anämie liegt und der den Zusammenhang zwischen dem politischen Maximalismus und seinem sozialen Maximalismus nicht gebührend erkennt. Wir beschuldigen keine Personen und keine Institutionen, sondern das System. Besser gesagt, den Mangel an System. Ich gehe zur inneren Politik über. Dass man Kräfte finden muss, darüber kann kein Zweifel herrschen. Es ist unmöglich, weiter zu warten. In diesem Sinne kann das Argument und der Vorschlag Grünbaums zu warten, nicht gutgeheissen werden. Wir können nicht abwarten und nicht „Friede, Friede" rufen, denn es herrscht kein Friede. Aber man muss einen realen Ausweg suchen und sich nicht an Illusionen klammern. 14 209