Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1924-01-01 · 13 (1924) Karlsbad, 6. bis 18. August 1923 · p. Seite 181

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
13 (1924) Karlsbad, 6. bis 18. August 1923
Date
1924-01-01
Page
Seite 181 (sequence 204)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3476254-3476280--5312-3481457
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

In einer holländischen. Geschichte wird erzählt, dass ein Pfarrer in einem Fischerdorfe an der Nordsee am Sonntag predigte: Gebe der liebe Gott, dass unsere Fischerleute aus den Stürmen gerettet in den Hafen zurückkehren, aber wenn es doch in Gottes Rat beschlossen ist, dass ein Schiff untergehen soll, dann möge es an unseren Küsten sein, damit unsere Strandsucher auch etwas davon haben. — Ebenso war es in Palästina. Wenn es nun einmal Arbeitslosigkeit geben muss, so soll unser Stadtviertel auch etwas davon haben. So wurden Strassen und Häuser gebaut, produktive und halbproduktive Arbeit gemacht, das ganze Land wurde aus reiner Arbeitslosigkeit aufgebaut, nicht aus einem wirtschaftlichen Prinzip, sondern zufällig und planlos, nach dem Katastrophenprinzip. So gehört der grösste Teil aller neugebauten Häuser in Palästina Leuten, die keinen Piaster zu verlieren haben, die aber gerne den dringend angebotenen Kredit genommen haben, weil sie die Schulden nicht so plagen wie jemanden, der etwas zu verlieren hat und sich bedenkt, bevor er Verpflichtungen eingeht. Dazu zierte solche Kreditnehmer noch der nationale Lorbeerkranz. So haben die Anleihen der Zionistischen Exekutive für Häuserbau nicht weniger als die Kredite der Brandeisgruppe zu der Demoralisation beigetragen, dass. Leute, die früher für weniger Miete mehr Zimmer hatten, jetzt für mehr Geld an Zinsen — die Amortisation nicht gerechnet — weniger Zimmer besitzen und dass der Lebensstandard dieser unproduktiven Kräfte im Lande, der Lehrer und Beamten, die man unter diesen Umständen kaum entlassen kann, erhöht worden ist. Das ist immerhin noch etwas schlimmer als der Vorwurf von dieser Seite, dass wir in. unseren Kolonien an produktive Kräfte vielleicht .etwas mehr als das absolute Minimum-equipment gegeben haben, wobei wir aber, den Lebensstandard der Leute von acht auf drei Pfund im Monat heruntergedrückt haben. Womit ich nur sagen will, dass beide Gruppen gute Zionisten sind, das heisst beide machen Fehler. in Palästina. Aber auch auf uns wirkte die Katastrophenpolitik demoralisierend. Der Drang nach Kredit wurde so gross und dabei die Gefahr der Schuldenvermehrung so ernst, dass man beinahe glücklich war über die beschämende Tatsache, dsass die Banken unsere Wechsel nicht mehr diskontierten — und ich muss gestehen, dass ich in den Institutionen, in denen ich Einfluss hatte, mitgewirkt habe, dass uns die Kredite verweigert wurden, um nicht durch Vergrösserung des Defizits die Gefahr des Zusammenbruches unter der Schuldenlast. zu vermehren. Man war auch gezwungen, Treuhandgelder zu borgen. Mein Freund de Lieme hat dies auf der letzten Jahreskonferenz ernstlich gerügt. Ich unterschätze nicht den Ernst eines solchen Verbrechens; aber wenn es sich darum handelt, in einem gegebenen Momente unsere Sache zu retten, so führt es dazu, dass man Treuhandgelder borgt. Inzwischen ist auch die Schuld an den J. N. F., um die es sich damals handelte, ganz abgezahlt worden. Es gibt Leute, die behaupten, dass Palästina nun einmal so aufgebaut werden muss, dass am Anfange die Tat kommt und hinterdrein das Geld, dass dies so noch in den nächsten Jahren sein wird und dass nur auf diese Weise in Erez Israel gebaut werden kann: Erst bauen und 181

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.