Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 554 (sequence 564)
- Language
- German, English, Hebrew
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ohne die Tatsachen zu sehen. Begeisterung auf dem Kongresse ist schön. Aber das Leben ist wirklich und wir rechnen nicht mit der Wirklichkeit. Die Wirklichkeit verlangt reale Arbeit und reales Leben.. (Lebhafte Schlußrufe bei der Linken.) Wir wollen hier keine unfruchtbare Politik treiben. Wir sind an einem entscheidenden Moment angelangt. Wir müßten beraten, wie wir das große Ideal realisieren. Wenn wir mit bloßen Worten kommen, werden wir wieder mit Worten gehen. Der Keren Hajessod ist die Grundlage des Volkes und ebenso wie jeder von uns sein Ideal wie sein tägliches Leben mit den Augen der Wirklichkeit betrachten soll, so sollen wir auch das Leben des Volkes mit realen Augen betrachten und mit der Wirklichkeit rechnen und sehen, wie es am besten für uns sein kann. Das ist der materielle Fehler des ganzen Keren Hajessod-Programms, der aber nur im Programm des Keren Hajessod liegt. Und nun, wie steht es mit der ideellen Seite? Diese berührt nicht nur den Keren Hajessod, sondern die ganze Zionistische Organisation wird von derselben schwer getroffen. Ich meine die religiös-traditionelle Seite. Das ist der wunde Punkt der zionistischen Partei. Es war der Fehler des Zionismus, daß er neben dem Volke schwamm und nicht m i t dem Volke. Er sah neben das jüdische Volk und nicht in das jüdische Volk und wollte seine Psyche nicht verstehen. Man hat proklamiert, daß die Religion Privatsache ist. Gewiß, aber man hat übersehen, daß die religiöse Tradition das ureigene Wesen des Judentums bildet, daß das jüdische Volk nur für die in der religiösen Tradition ausgedrückten Ideale seines Volkstums gelebt hat und daß man über diese Frage nicht stillschweigend zur Tagesordnung übergehen kann. (Beifall.) Man hat dem Volke den Zionismus gebracht. Der Zionismus ist aber nicht nur eine rein wirtschaftlich-soziale Frage. Wir können den Zionismus nicht allein von der materiellen Weltanschauung betrachten, sondern müssen ihn gleichzeitig auch von der historischen, ideellen bzw. von der wirklichen Seite der Evolution des jüdischen Volkes behandeln. Ein Zionismus ohne jüdische Tradition ist undenkbar? (Beifall.) Nie wird sich das Volk uns anschließen, wenn wir nicht in erster Reihe jenes Moment berücksichtigen, das ihm seit Jahrtausenden heilig und wofür es zu allen Zeiten freudig in den Tod gegangen ist. (Ruf: Keren Hajessod!) Ich komme soeben zum Keren Hajessod. Wenn wir für den Keren Hajessod sammeln, will das jüdische Volk, daß das, was mit dem Gelde geschieht, nicht gegen seine Religion unternommen wird. (Lebhafter Beifall.) Wir sind zum Volke gegangen, wir haben bei der frommen jüdischen Bevölkerung Gelder gesammelt, aber keineswegs zu dem Zwecke, daß mit seinem Gelde in Erez Israel trefene Küchen gegründet und der Schabbes öffentlich entweiht wird. Alle mit zionistischen Mitteln gegründeten Küchen sind trefe und überall wird der Schabbes Öffentlich entweiht. Ich kann Ihnen aus eigener Erfahrung erzählen. Ich habe bei der frommen jüdischen Bevölkerung Gelder für eine zionistische Gründung in Palästina aufgebracht und als ich nach Erez Israel kam, war ich von der dort für die Arbeiter ins Leben gerufenen Küche ausgeschlossen, aus dem einfachen Grunde, weil alles trefe war. Wir werden über diese Frage nicht ohne weiteres hinweggehen, das jüdische Volk will, daß alles, was mit seinem Gelde geschieht, nicht gegen den Geist seiner Tradition verstößt. Wir Misrachi haben die große und schwere Aufgabe übernommen, in jene Massen zu gehen, wohin die zionistische Partei nicht kommen konnte. Schon unser unsterblicher Führer Dr. Herzl hat mit seinem weitsichtigen Blick die hervorragende Bedeutung des frommen jüdischen Elementes für unsere Bewegung zu werten verstanden. Als ich auf dem zweiten Zionistenkongresse seine Aufmerksamkeit auf die, als Delegierte gekommenen, damals noch sehr wenigen orthodoxen Rabbiner und langröckigen Juden gelenkt habe, er- 554