Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 553 (sequence 563)
- Language
- German, English, Hebrew
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Palästinas, für die Neubegründung Israels in Erez Israel. Nun sollte man erwarten, daß man eine so akute, so notwendige und für das jüdische Leben bedeutungsvolle Frage mit etwas realem, mehr prosaischem und nüchternem Blick betrachtet. Der Keren Hajessod hat leider nicht das nötige Echo gefunden, das er hätte finden sollen. Wollen wir uns hier nicht täuschen und uns gegenseitig die Wahrheit sagen. Ein großer Teil des Volkes, ein gewichtiger Teil, hat sich halb neutral und zum Teil sogar ablehnend dem Keren Hajessod gegenüber verhalten. Wo liegen die Gründe? Die Gründe sind teils materieller, teils ideeller Natur. Während das materielle Moment im Wesen des Keren Hajessod liegt, sind die ideellen Momente im Wesen der allgemeinen Arbeit der Zionistischen Organisation überhaupt zu suchen. Ich will zuerst die materiellen Momente beleuchten. Als man nach der großen Begeisterung von San Remo zum Volke kam und Geld für den Keren Hajessod verlangte, hat man dem Volke keinen klaren detaillierten Plan gegeben, was eigentlich mit dem Gelde geschehen soll. Wir arbeiten ja schon Jahrzehnte und haben noch immer nicht gelernt, zwischen produktiven und unproduktiven Unternehmungen, zwischen Spendensammeln und Kapitalaufbringen für produktive Anlagen zu unterscheiden. Das Volk hat Jahrzehnte für den N. F. gegeben und da haben wir uns überzeugt, daß wir mit Spenden Palästina nicht aufbauen können. Palästina kann nur auf realer, produktiver Basis aufgebaut werden, nur durch Mithilfe des produktiven gewinnbringenden Unternehmens. Es ist hier viel von Maasser gesprochen worden. Gewiß Maasser ist sehr schön. Wir können aber noch mehr als Maasser verlangen. Wir können verlangen, daß viele ihr ganzes oder halbes Vermögen hergeben und sie würden es auch hergeben, wenn sie wüßten, daß es gut angelegt und ebenso gut verwaltet wird wie alle nützlichen produktiven Gründungen im Galuth. Aus dem Programm des Keren Hajessod ist dies alles nicht ersichtlich. Wenn wir den neuesten Plan betrachten, den uns der Herr Referent vorgelegt hat, finden wir, es sollen von den Gesamteinnahmen 20% für den N. F. verwendet werden — das wäre schon recht — für das regelmäßige Palästinabudget und nationale Anlagen 50 %. Ich weiß nicht, was das eigentlich heißt. Der Ausdruck ist derart vieldeutig und elastisch, daß man in diese wenigen, allgemein gehaltenen Worte alles Mögliche hineinlegen kann. Einen einzigen produktiven Posten haben wir: 30% für wirtschaftliche Anlagen. Wir wollen Maasser verlangen, den Maasser aber kann und wird das ganze Volk nicht geben. Täuschen wir uns nicht. Maasser kann zumeist nur derjenige geben, der über bares Kapital verfügt und zu uns gehört. Nur dieser kann 10% seines Vermögens hingeben; der Kaufmann z. B. wird nicht für diesen Zweck einen Teil seines Geschäftes realisieren oder der Hausbesitzer nicht einen Teil seiner Realität verkaufen, um Maasser zu geben. Er wird vielleicht seinen Besitz ganz oder teilweise veräußern, wenn er weiß, daß das Geld gut angelegt ist und ein Teil seines hergegebenen Geldes ihm und ein anderer dem jüdischen Volke zugute kommt. Es wurde hier der Leitung vorgeworfen, daß sie die Privatinitiative nicht berücksichtige, daß sie dem bürgerlichen Element, dem sogen. Balbos, der mit seinem Kapital nach Erez Israel gekommen ist, nicht diejenige Förderung angedeihen ließ, die ihm zukommt. Gewiß, wir haben den jüdischen Arbeiter nötig, er ist die Grundlage unserer Zukunft. Aber ohne den jüdischen Bürgerstand und ohne das Kapital werden wir Erez Israel nicht aufbauen. Nur mit dem Kapital, mit dem jüdischen Bürger im Verein mit dem jüdischen Arbeiter kann Israel wieder sein Land aufbauen. Mit Ideologie und Worten werden wir nichts ausrichten. Lesen Sie die Programme der früheren Kongresse! Sehen Sie sich an, welch' schöne Pläne man gehegt, wieviele Resolutionen man gefaßt und welche schönen Worte man gesagt hat; aber es hat sich nicht bewährt, weil man an dem täglichen Leben vorübergegangen ist, 553