Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 544 (sequence 554)
- Language
- German, English, Hebrew
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Von zwei Standpunkten aus kann man dem Keren Hajessod näher treten. Der eine ist der des ökonomischen Aufbaues Palästinas, die Notwendigkeit der Verwendung von großen Mitteln und das System einer zweckmäßigen Verwendung. Ich möchte diesen Standpunkt den national-ökonomischen nennen. Eine zweite Betrachtungsweise geht auf den Ausgangspunkt zurück: woher, mit welchem System der Aufklärung, der Werbung, der Propaganda können wir eine so gewaltige Summe aus dem jüdischen Volke gewinnen? Diesen Standpunkt möchte ich den nationalen, den volkspsychologischen nennen. Von Anfang an hat die Keren Hajessod-Idee darunter gelitten, daß an vielen Stellen entweder nur von dem einen oder von dem andern Standpunkt ausgegangen wurde. Für mich liegt die Erklärung der ganzen amerikanischen Kontroverse, die ich sehr beklage und die für die Keren Hajessod-Arbeit im abgelaufenen Jahr eine ungeheuere Erschwerung bedeutete, darin, daß in Amerika nur der national-ökonomische Gesichtspunkt seit Jahren einzig und allein ins Treffen geführt wurde, der Standpunkt: wie verwendet man am zweckmäßigsten, am ökonomischesten die Mittel, und daß der andere Standpunkt: wie bereiten wir das jüdische Volk vor, wie machen wir das jüdische Volk bereit, sich mit Herz und Hand dem Keren Hajessod zu weihen, vollständig außer Acht gelassen wurde. Und so, auf eine einfache Formel reduziert, ist diese ganze Kontroverse nur ein methodologischer Fehler gewesen. Das System des Keren Hajessod verlangt zweierlei. Wollte man mich fragen, wen ich zuerst zum Leiter des Keren Hajessod machen würde, ich würde einen Menschen dafür ausersehen, der etwas von einem jüdischen Dichter in sich hat, ich würde den Mann für den geeignetesten halten, der imstande ist, im jüdischen Volke ein Gefühl so unerhörter Bereitschaft freizumachen, daß es sich dann in die materiellste Form, nämlich in eine letzte, persönliche Leitung umsetzen kann. Zum zweiten aber würde ich einen Mann nehmen, der imstande ist, im jüdischen Volk, in den Spendern, in denen, die opferbereit sind, die tiefe Ueberzeugung hervorzurufen, daß hier mit den aus der Begeisterung geschöpften Mitteln ein fruchtbares, ein wirtschaftliches Werk für das jüdische Volk geleistet wird. Sie wissen, daß um das System des Keren Hajessod, die Resolutionen der letzten Jahreskonferenz, viel gestritten, geschrieben und geredet wurde. Das abgelaufene Jahr des Keren Hajessod können wir nicht anders bezeichnen, als ein Jahr des Versuches, ein Jahr des Erprobens und Prüfens. Ich glaube nach diesem Jahr des Versuches sagen zu dürfen, daß, so schnell die Resolutionen der Jahreskonferenzen gefaßt worden sein mögen, sie doch in ihrem Kern und Wesen das Richtige getroffen haben. Sie wissen, daß der Keren Hajessod eigentlich aus einem Kompromiß zwischen verschiedenen Anschauungen und Programmen hervorgegangen ist. 544