Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 474 (sequence 484)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4774-3480918- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Und zum Schluß: wenn Ihr zum Judentum mit einem großen Plan und mit großen Forderungen kommen werdet, werdet Ihr auch die Mittel bekommen. Wenn Ihr aber dem Volke sagen werdet: Wir haben kein Selbstvertrauen, wir trauen unseren Möglichkeiten und unseren Fähigkeiten nicht und wollen deshalb unsere Arbeit verkleinern — so werdet Ihr nicht einen Pfennig bekommen. Delegierter Dr. Chaim Tschernowitz (Misrachi, hebräisch): Seit 30 Jahren beschäftigen wir uns in Palästina mit dem Bau von hebräischen Schulen und können nunmehr die Früchte sehen, die diese Arbeit getragen hat. Man kann nicht behaupten, daß wir Gründe haben, mit diesen Schulen vollständig zufrieden zu sein. Die meisten Lehrer sind zwar gut und erfüllen hingebungsvoll und mit einem unbeschreiblichen Idealismus ihre Pflicht. Das Los der hebräischen Lehrer in Palästina ist nicht beneidenswert. Sie hungern oft und konnten nur dank ihres so ungeheuren Idealismus eine solch glänzende Tätigkeit entfalten. Aber dieser Idealismus, der oft in Fanatismus ausartet, macht sie oft beschränkt und läßt sie die Fehler nicht merken, die in ihrem System begründet sind. Der Hauptfehler besteht darin, daß in Palästina eine- Neigung besteht, einen neuen Typus von Nichtgaluthjuden, von freien Juden zu schaffen, etwa einen Juden aus dem Zeitalter der Eroberung Kanaans. Diese Neigung führt zu einer Verneinung der Vergangenheit, da ja doch unsere Vergangenheit im Galuth liegt. Sie möchten am liebsten die ganze Galuthentwicklung aus der jüdischen Geschichte streichen und merken nicht, daß sie damit auch alle unsere geistigen Errungenschaften in den letzten 2000 Jahren preisgeben. Sie wollen einen Sprung von 2000 Jahren nach rückwärts machen. Das Ideal eines Juden für sie ist der Richter J i f t a c h ha Gileadi oder Simson. Die Lehren, die Bücher, das ist für sie etwas Nebensächliches. Wichtig ist die Freiheit, Ausflüge, Veranstaltungen, Tournees usw. Die Schüler sind selbstverständlich sehr zufrieden, aber nicht die Eltern. Doch wer nimmt auf die Eltern in Palästina Rücksicht? Die stammen ja auch aus dem Galuth und müssen zusammen mit dem Galuth verschwinden. In uns sieht man das Uebergangsgeschlecht, das dem Untergang geweiht ist, in den Kindern — das neue Geschlecht, das die ganze jüdische Geschichte von neuem anfangen muß. Man betont das den Kindern auf jedem Schritt und Tritt, daß sie die Träger eines ganz neuen Judentums sind. Daher die Anmaßung, die Disziplinlosigkeit und die ironische Beziehung zu allem Alten und Traditionellen. Schülerausschüsse nehmen oft Resolutionen an, die sich gegen die Lehrer richten. Auch in der Schweiz macht man z. B. viele Ausflüge, aber dort wird auch sehr viel gelernt. Der Freiheitssinn in der Schweiz ist ein innerlicher und seelischer, in Palästina artet dieser Freiheitssinn in ein wildes Benehmen eines leeren Menschen aus, der auf die ganze Welt von oben herab schaut. Ein weiterer Grund dieser Demoralisierung der Kinder ist die Tatsache, daß die Schulen Palästinas von Spendern abhängen und die Kinder als eine permanente lebendige Ausstellung für jeden angesehenen Palästinabesucher dienen. Dadurch werden die Kinder in die Politik hineingezerrt, ja es ging so weit, daß sogar ein Lehrer verkündete, daß die Schule eine politische und keine Erziehungsanstalt sei. Kinder, die früh reif werden, bleiben Kinder auch, wenn sie reif sind. Man kann den Galuth nicht negieren und das Rad der Geschichte zurückdrehen. Wer die Vergangenheit negiert, muß auch die Gegenwart und die Zukunft verneinen. Wenn wir auch aus dem Galuth herausgehen würden, so wird der Galuth von uns nicht herausgehen. Keine Zukunft ohne Vergangenheit. Nur in der Hochschätzung der Vergangenheit werden wir unsere Zukunft aufbauen können. 474