Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 446 (sequence 456)
- Language
- German, English, Hebrew
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Und weil niemand das vorausgesehen hatte, außer vielleicht die ICA, war es möglich, daß der Unterstaatssekretär der Immigrations-Abteilung der Canadischen Regierung, Herr Blair, in seinem Vortrage vom 26. November 1920 an seinen Minister unter anderem schreiben kann: „Jüdische Männer ohne Erfahrung in Farmerei, aber mit Erfahrung auf verschiedenen Industriegebieten werden auf dem Lande nicht bleiben, sondern sich in großen Siedlungszentren anhäufen. Die Geschichte der jüdischen Einwanderung nach Canada bestätigt ohne mindesten Zweifel diese Behauptung". Es handelte sich damals um 300 angehaltene Immigranten, die man vor der Rücksendung retten wollte. Der Unterstaatssekretär schlug daher im selben Memorandum vor: „ohne auf die Leiden der einzelnen Rücksicht zu nehmen das Gesetz über die Rücksendung zu erfüllen". Und weil die ehemals gewählten Bürger nunmehr „unerwünscht" sind, gibt der Canadaer Einwanderungsminister Mr. Calder in seinem Schreiben vom 16. VIII. 21 genau an, welche Bürger der Canadischen Regierung genehm sind: Die Politik der Canadaer Regierung geht dahin, im allgemeinen mehr Landarbeiter hineinzulassen, als Personen, deren Beschäftigung sie an die Städte oder Industriezentren fesselt". Dieser Brief sollte eine Antwort sein auf eine Bitte, die Einwanderungsbestimmungen zu mildern, und der Minister fährt darin offenherzig fort: „Die nötigen Schritte sind unternommen worden, um solche Emigranten an der Reise nach Canada zu hindern, die wahrscheinlich zurückgesandt werden müssen". Die gewaltige Katastrophe hat uns vollkommen unorganisiert getroffen, trotzdem es an warnenden Stimmen nicht fehlte, so die ökonomische Analyse der Poale-Zion und die Stellungnahme des bekannten Journalisten Vladimir Großmann. Andererseits hat man sich in allen Ländern der Jüdischen Siedlungen in einem Wahn des Optimismus mit lokalen Kongressen beschäftigt und von einem Weltkongreß phantasiert, der die jüdischen Rechte durch seine moralische Wirkung allein schützen sollte. Nachdem kolossale Energie und Riesensummen dafür verausgabt waren, wurde eine wichtige jüdische internationale Körperschaft geschaffen, das „Komitee der jüdischen Delegation bei der Friedenskonferenz in Paris", aber die dem Komitee zur Verfügung gestellten Mittel reichten kaum aus, um die jüdische Politik zu führen und einen Versuch zu machen, die Hilfsaktion für die Pogromopfer zu vereinheitlichen. Aber die Regulierung der jüdischen Wanderung ist sogar jetzt, nachdem sie bereits aufgehört hat, eine Wanderung zu sein und in eine panikartige, ziellose Flucht ausartete, ist ein ewiger Punkt auf der Tagesordnung sowohl des Komitees der jüdischen Delegationen, wie auch der Zionistischen Weltorganisationen, der einzigen zwei Institutionen, die berechtigt sind, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen. Und so ist nach den Pogromen in der Ukraina und andern Schrecknissen nur eine Rettung geblieben — das Wandern, nebst zwei Uebeln — der Kampf gegen die Pogrome und die Einwanderungsbeschränkungen sogar in Ländern, die Einwanderer brauchen. Man sagt uns offen, daß man keine Händler mehr hineinlassen will. Das ist auch in Europa der Fall. Mit dieser Lage muß man rechnen und sie wird immer schärfer. Die Bemühungen der Hilfsgesellschaften, die jährlich einige Millionen Dollar ausgeben, sind nur Palliative, und diese Gesellschaften verlieren immer mehr an Sympathie und Entgegenkommen bei der Regierung. Andererseits, ist denn eine Hoffnung vorhanden, daß diese Wanderung abnehmen wird? Die Experten der Canadian Pacific haben festgestellt, daß in den nächsten 5 Jahren mindestens 2 Millionen Juden aus dem Osten auswandern wollen. Wohin also? Haben etwa die zwei Emigrationskonferenzen beider Richtungen, der ICA und der nationalen, versucht, Möglichkeiten zu schaffen, um Luftmenschen in produktive Menschen, in erwünschte Einwanderer zu verwandeln und eine Antwort auf diese Frage zu finden? Nein. Dabei 446