Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 443 (sequence 453)
- Language
- German, English, Hebrew
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Vizepräsident Motzkin: Wenn ich Herrn Trietsch recht verstehe, möchte er eine Verlängerung der Redezeit haben. Das ist vorhin abgelehnt worden, aber Sie haben das Recht, jeden Ihrer Beschlüsse abzuändern. Wollen Sie darüber noch einmal beschließen? Wer für die Verlängerung der Redezeit ist, möge die Hand erheben. (Geschieht.) Ich bitte um die Gegenprobe. (Nach einer Pause.) Der Antrag ist a n g e n o m m e n. Ich bitte, fortzufahren. Mitglied des A.C. Trietsch (fortfahrend): Geehrter Kongreß! Von der Industrie, die in der jüdischen Berufsschichtung der Welt einen so viel größeren Raum einnimmt, als die Landwirtschaft, sagt Ruppin: „In der Industrie ist es so ähnlich, wie in der Landwirtschaft. Allerdings der Beruf ist bekannt, und die Juden sind darin erfolgreich; aber die jüdische Industrie in Europa besteht meistens aus Unternehmern, während sonst die Juden als Arbeiter zu finden sind". Nun, ich glaube, die industriellen Unternehmer Europas werden meistens in Europa bleiben, in der Auswanderung aber haben wir meistens das Arbeiterelement, so daß dieses Argument völlig hinfällig ist. Aber klar sollte sein, daß die Juden in einer Organisationsform, die ihnen bekannt ist, erfolgreicher sein werden, als in der Landwirtschaft, in die sie übergangslos hineingestoßen werden sollen. Es gäbe noch vieles zu sagen. Ein Hauptzug der Ruppin sehen Betrachtungsweise ist, daß er vom Lande ausgeht und nicht vom Volke. Für ihn bietet das Land Hindernisse, statt daß ihm das Volk Möglichkeiten zeigt. Unser jüdisches Wirtschaftsleben in Palästina wird unendlich viel stärker von den Fähigkeiten der Juden als von dem Charakter des Landes bestimmt werden, ähnlich wie z. B. die Schweiz ihre Wirtschaft aufgebaut hat, auf der Grundlage eines hochintelligenten, industriell veranlagten Menschenelements und nicht auf der Grundlage einer gütigen Natur. Die soziale Auffassung Ruppins gipfelt darin, daß er sagt: „Die in den Kolonien und Farmen beschäftigten fast 1500 Arbeiter sind ein vorgebildetes Menschenmaterial für zukünftige Ansiedler und dadurch von großem Werte". Damit Sie nicht meinen, daß Dr. Ruppin hier plant, daß diese Arbeiter selbst angesiedelt werden sollen, sondern daß er tatsächlich glaubt, hier den Typus des „ewigen Arbeiters" zu schaffen, geht aus vielen Parallelstellen hervor. Ich bin gern bereit, den Herren von der Linken die Ziffern der Seiten zu nennen, wo diese Sachen stehen. Er sagt z. B.: „Es muß für einen Stamm tüchtiger Arbeiter gesorgt werden". „Jeder Pflanzer braucht für seine Pflanzung mindestens einen ständigen Arbeiter, der später als Häusler anzusiedeln ist". Ferner: „Ungelernte Juden sollen einen solchen Lohn haben, daß sie geistig und körperlich nicht verkümmern" usw., usw. Stellen Sie sich einmal diese Höhe sozialer und nationaler Auffassung vor! Diese soziale Seite der Sache hebe ich besonders deshalb hervor, weil auf eine höchst komische Weise — und vielleicht sogar auf eine gar nicht komische — dieses merkwürdige Einvernehmen zwischen der Arbeiterschaft und Dr. Ruppin zustande gekommen ist. (Ruf: Das ist ein Gelehrtenstreit!) Ruppin hat in seinem Aufbaubuch eine Menge Dinge, bei denen man sich an den Kopf greifen und fragen muß: Wie kann man so etwas schreiben? — Und dann muß man das noch einmal tun und fragen: Wie kann das zionistische Publikum solche Sachen lesen und hinnehmen? Ruppin vertritt die unmögliche Kolonisationsziffer von 1-2000 Pfd. für unterstützte Ansiedlung. Ich habe in der Kolonisationskommission vergeblich versucht, eine namentliche Abstimmung darüber herbeizuführen, wie man bei einer solchen Ziffer eine nennenswerte nationale Kolonisation für möglich hält. Ich werde auch weiter auf irgend eine Weise eine solche Abstimmung herbeizuführen suchen und möchte sehen, welche kleine Schar von sonderbaren 443