Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 356 (sequence 366)
- Language
- German, English, Hebrew
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Was die Politik anbelangt, so ist sie unter zwei Gesichtspunkten zu betrachten: 1. Die zionistische Einwanderungspolitik, 2. die Politik der Regierung von Palästina. Ich war einst sehr für freie jüdische Einwanderung nach Palästina. Ich empfand es als unerträglichen Zustand, daß die Zionistische Organisation zulassen solle, daß irgend ein Jude in seinem Wunsch, in das Land seiner Väter zurückzukehren, Beschränkung erdulden müsse. Der die zionistische Politik bestimmende Grundsatz kann leicht ausgesprochen werden: Die Einwanderung einer möglichst großen Zahl von Juden nach Palästina in möglichst kurzer Zeit. Dies würde freie Einwanderung von Juden nach Palästina unter bloß zwei Beschränkungen bedeuten: 1. Körperliche oder geistige Krankheit, 2. Unfähigkeit sich selbst zu erhalten, wegen Alters oder aus anderen Gründen. Keine dieser Einschränkungen war absolut. Z. B. wäre ein Blinder nicht auszuschließen, wenn er erwerbsfähig oder von seiner Familie erhalten oder im Besitz genügender Einkünfte wäre, um selbständig existieren zu können. In immer wiederholter Erwägung dieser Frage wurde ich durch die wirtschaftliche Lage Palästinas und durch meinen Wunsch, an der Gründung des jüdischen Nationalheims in möglichst kurzer Zeit mitzuhelfen, zu einer Modifikation meiner Auffassung gedrängt. Palästina ist kein Land, das dem neuen Ankömmling unbegrenzte Möglichkeiten bietet. Wenn wir es mit anderen Ländern vergleichen, die für die Einwanderung aufgebaut wurden, mit den Vereinigten Staaten, Australien, Canada, so sehen wir, daß der Unterschied darin liegt, daß in allen diesen Ländern ein Mann in den Urwald gehen, Holz finden, sich ein Haus bauen und sich mit einem ganz geringen Geldbetrag den Unterhalt für ein Jahr schaffen kann. In Palästina ist es ganz anders. Es gibt keine Wälder, Häuser müssen aus Stein oder importiertem Holz gebaut werden und die Erde liefert ihm keinen Unterhalt, wenn er nicht vorher große Kapitalien hineingesteckt hat. Wenn wir die Städte Palästinas mit jenen Städten vergleichen, nach denen bisher die jüdische Einwanderung gegangen ist, ist der Unterschied auf den ersten Blick klar: London, New York und Chicago sind Industriezentren und der Ankömmling findet irgendwo und irgendwie ein Plätzchen. Die Städte in Palästina wünschen auch Industriezentren zu werden. Noch manches Jahr muß vergehen, bevor sie fähig sind, jedem Unterhalt zu schaffen. Die nächsten Jahre sind Jahre der Vorbereitung, der Vorbereitung des Bodens, der Erweiterung der Städte, der Gründung von Industrien. Kühnheit, Weitblick, Voraussicht sind erforderlich. Heute ist die Einwanderung notwendigerweise auf jene beschränkt, welche diese Grundlagen legen können. Jahr für Jahr werden diese fester werden und so muß die wirtschaftliche Ein- 356