Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 349 (sequence 359)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4649-3480793- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
den Fellachen nachgeahmt, dessen veraltete, unproduktive Wirtschaftsweise? Haben wir nicht den französischen Weinbau nach Palästina eingeführt? Wir haben einerseits zu viel nachgeahmt und hauptsächlich den extensiven Fellachen oder den russischen Bauer oder den argentinischen Farmer, andererseits viel zu wenig den intensiven Landwirt des europäischen Westens und des asiatischen Ostens. Ist der Charakter des Fellachen, des russischen Muschik und des argentinischen Kolonisten dem unserer Ansiedler ähnlich, die größtenteils aus den Städten kommen? Wenn wir nachahmen, — und wir müssen nachahmen — so wählen wir doch das Richtige, das, was dem Charakter unseres Volkes viel mehr entspricht, und dies sind die intensivsten Methoden der Agrikultur, gewissermaßen die landwirtschaftliche Industrie. Als ich vor wenigen Monaten mit den sehr erfahrenen Vertretern des Departements of Agriculture, Prof. Swingle und Dr. Cook, in Washington über meinen Vorschlag sprach, setzten die Herren Zweifel in die Fähigkeit der Juden, „the quickest-thinking townsmen", der am schnellsten denkenden Stadtleute, sich in Landwirte, „the slowest thinking profession" umzuwandeln, sich auf Landwirtschaft einzustellen, die eine langsame Denkart verlangt. Ich gab den Herren zu, daß sie recht haben. Da wir aber eine landwirtschaftliche Schicht in Palästina nötig haben, so müssen wir denjenigen landwirtschaftlichen Zweig für die Juden wählen, der unter allen noch der am schnellsten denkende ist und das ist die intensive, gewissermaßen industrielle Gärtnerei. Die Herren gaben dies zu. Der Jude eignet sich viel weniger zum Beruf eines russischen Bauern oder eines amerikanischen Farmers. Er kann nicht tagaus tagein hinterm Pflug und hinter seinen Ochsen stumpfsinnig einhertrotten. Auch der bequeme Sitz auf dem amerikanischen Pflug ist für ihn nichts. Was soll er sich dabei denken? Er schläft ja dabei ein. Nein, meine Damen und Herren, der jüdische Landwirt muß einer Beschäftigung zugeführt werden, bei der seine Intelligenz, sein denkender Kopf Verwendung findet, nicht allein seine Arme und Beine. Und das ist nur beim Intensivismus erreichbar, bei der Landwirtschaft, die gleichzeitig Industrie und Handel ist. Selbstverständlich ist nicht die Rede davon, daß jeder Kolonist getrennt seine Erzeugnisse verarbeitet und verkauft. Alles das wird genossenschaftlich gemacht werden durch die besten Vertreter der Cooperative, aber unter Anteilnahme des Einzelnen. Und nun die Frage, die nicht unwesentlich ist: Was kostet die von mir befürwortete intensive Kolonisation? Wie ich schon bei anderer Gelegenheit gesagt habe, ich kann heute noch nicht mit Zahlen aufwarten. Aber Kenner des Landes, die die gegenwärtigen Preise kennen, haben in einer Konferenz, an der ich teilnahm, zugegeben, daß mit 300 Pfund ein Kolonist nach meinem System angesiedelt werden kann. Und in der Tat glaube ich, daß bei einer 349