Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 270 (sequence 280)
- Language
- German, English, Hebrew
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der Erfüllung der nationalen Bestrebungen der leidenden Völker — denkt sich der Redner — wo immer ein Kongreß eines solchen Volkes stattfinden würde, wäre es ein begeisterter Kongreß, während unser Kongreß, nach der Ansicht dieses Herrn ohne Begeisterung vor sich geht. Ich will zu dieser Bemerkung einige Worte sagen. Mir scheint, daß Begeisterung oder Mangel an Begeisterung immer nach dem Worte kommt, das hängt immer vom Redner ab, 3ber auch von dem Ton, den er anschlägt. Ich weiß nicht, ob die Delegierten auf die Stimmung der großen Massen reflektieren. Der Redner irrt sich in zwei Punkten. Erstens irrt er sich gewaltig*, wenn er meint, alle anderen Völker seien begeisterter, nur wir allein sind enttäuscht. Es gibt noch andere Völker, welche enttäuschtsind. Es gibt ein Volk, mit welchem wir in sehr freundschaftlichen Beziehungen stehen, ein schwergeprüftes Volk, an das ich von der Tribüne dieses Kongresses aus ein Wort der Aufmunterung richten möchte, das ist das armenische Volk. Würde sich dieses Volk jetzt zu einem Kongreß versammeln, so bin ich nicht sicher, ob es nicht noch mehr Anlaß haben würde, enttäuschter, aufgeregter und verbitterter zu sein als wir. Ich könnte noch so manch anderes Volk anführen, aber ich beschränke mich auf dieses eine Beispiel. Sämtliche befreiten Völker kämpfen mit den unausbleiblichen Hindernissen und Schwierigkeiten der ersten Frei-' heitsperiode. Und wir bilden keine Ausnahme. Ueberdies sind solche Feststellungen subjektiv und dienen oft dazu, Stimmungen zu erzeugen, die tatsächlich nicht vorhanden sind. Der Keim der Zersetzung wird durch solche Worte ins Herz gelegt und düstere Schwermut bemächtigt sich derjenigen, die anstatt des Verzagens, berufen sind zu begreifen, zu retten, zu leiten. Von der Generaldebatte des Kongresses habe ich etwas anderes erwartet und vom Kongresse erwarte ich es noch. Was hat dieser Kongreß zu tun? Was sind seine Pflichten nach der wechselvollen und ereignisreichen Zeit, die an unserer Erinnerung vorbeigeht? Der Kongreß hat zwei Pflichten: Das Geschehene zu würdigen und für das zu Schaffende Beschlüsse zufassen. Es handelt sich nicht darum, in die Vergangenheit unseren Blick zu richten, das können wir dem Historiker überlassen. Aber es handelt sich darum, von dem in unserem Leben Geschehenen „Akt zu nehmen?. Anstatt dessen drehte sich die Generaldebatte hauptsächlich um eine Spezialfrage, um eine Polemik für oder gegen die Herren Simon und de Lieme, eine Polemik, die fast in einen zweibändigen Roman: „Simon und de Lieme" ausgewachsen ist. (Heiterkeit.) Es ist die Fortsetzung eines früher schon in unserer Presse und Broschüren gemachten Polemik, die schon in dieser Form etwas übertrieben war, 270