Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 229 (sequence 239)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4529-3480673- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
nicht; es fehlen Mond und Untermeier, und damit kommen wir zu einem neuen Kapitel: zu Brandeis und seinen Freunden. Ich gehöre nicht zur Gefolgschaft von Brandeis, im Gegenteil, ich habe viele Beschwerden gegen ihn. Aber trotz alledem kann ich mich nicht von jenen Erinnerungen befreien, die ich seit dem vergangenen Jahre aus London hege. Damals stieg man zweimal täglich, morgens und abends, von oben zu uns herab und sagte, es sei ein Stern in Israel, nein, nicht ein Stern, sondern eine neue Sonne, die auf allen unseren Wegen leuchte. Sie werde alle Herzen erwärmen und uns alle nötige Energie verleihen. Wäre Brandeis hier, so sagte man uns, dann wäre alles hier. Und wegen des Geldes braucht ihr überhaupt keine Sorge zu haben: Was nötig sein wird, werden wir erlangen und sogar noch mehr. Noch klangen uns alle diese Reden in den Ohren, da drangen ganz neue Stimmen zu uns: Dieser Brandeis ist ein Volksunglück, er ist kein Zionist und war kein Zionist, und ehe wir uns nicht von ihm befreien, können wir nicht vorwärts kommen. Es ist sehr interessant zu wissen, wann unsere Führer irrten, oder wann sie uns in die Irre führten, in diesem oder im vergangenen Jahre; vielleicht sowohl im vergangenen als auch in diesem Jahre. Trotz allem, wenn war jetzt drei Tage lang über den Riß in Amerika und das Ausscheiden von Brandeis aus unseren Schlachtreihen sprechen, so ist dies ein Zeichen, daß die Zahl der Brandeisanhänger nicht groß ist, und wenn in dieser Periode uns Begeisterung nötig ist, so sind uns Menschen nötig, wertvolle Menschen. Schade, daß heute nicht Brandeis unter uns ist! Diese Erwägungen bilden die Grundlage des Zionismus. Für mich, für das alte Geschlecht Herzls und vor Herzl, gibt es keine andere Grundlage als die Leiden unseres Volkes, die materiellen und die geistigen. Der Grund aller unserer Leiden ist, daß wir in der ganzen Welt keine gesicherte Heimstätte haben. Wir müssen unser zerstörtes und verwüstetes Haus an seiner alten Stelle wieder aufbauen. Die Sache ist einfach und verständlich genug, und wir brauchen kein Mischnahtraktat und keinen Bibelabschnitt dazu. Vertiefen wir uns in die Sache, um die Gründe der Gebote zu prüfen, so können wir nie zu einer allgemeinen Uebereinstimmung kommen, und das ist auch nicht nötig. Nicht wahr, die meisten Menschen kennen überhaupt nicht den Zweck des Lebens, und doch hindert sie das nicht zu leben, und sie fordern nicht Gründe für diese Dinge, und wenn wir nach Gründen für unsere Gefühle fragen, so sagt der Misrachist: Es ist unmöglich, alle in der Thora ausgesprochenen Gebote außerhalb des Landes zu erfüllen, unmöglich ist es außerhalb des Landes, sich vor allem Verbotenen zu hüten, und außerdem gibt es Gebote, die vom Lande abhängig sind. Wenn man jemanden von der Achduth-Awodah fragt, so wird er sagen, daß es keine Wahrheit und Gerechtigkeit in der Welt gibt. Der Privatbesitz ist an allem schuld, und wir müssen gegen den Privatbesitz kämpfen und uns von den Ausbeutern befreien. Und nicht selbst ausgebeutet zu werden, ist nur dann möglich, wenn wir eine neue Welt auf neuen Grundlagen erbauen. Auch im Zentrum gleichen sich nicht alle Meinungen, und nicht eine Lehre führte uns hierher. Die Fraktion des 5. Kongresses z. B. sagte, daß Gesetz und Glauben uns daran hindern zu verstehen und zu fühlen, was Volk heißt, und andere Meinungen ohne Zahl waren vorhanden. Alle diese Meinungen auf einer Grundlage zu vereinigen, ist vollkommen unmöglich und auch gar nicht nötig, weil alles Gesunde seine Gesundheit spürt und nicht nach Ursachen fragt. Wie richtig waren doch Herzls Worte, als er in Wilna sagte: „Wir alle fahren in einem Zuge und nur in verschiedenen Wagen, und wir wissen nicht, welcher Wagen geeigneter ist, und wer für seine Fahrkarte einen 229