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Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1922-01-01 · 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921 · p. Seite 208

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Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
Date
1922-01-01
Page
Seite 208 (sequence 218)
Language
German, English, Hebrew
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Wir haben aber seit Jahren Erfahrungen gesammelt und diese Erfahrungen sprechen dafür, daß auf dem von uns eingeschlagenen Wege die erforderlichen Mittel beschafft werden können, natürlich nur, wenn wir unsere Auffassung und Arbeitsweise auf alle Länder übertragen können. An einem Beispiel sei zunächst der grundsätzliche Gegensatz der Methoden dargestellt: Den Einen schien mit der Balfour-Deklaration eine neue Zeit für die Gewinnung aller Nichtzionisten angebrochen zu sein. Jetzt könne man unter dem Druck der großen Ereignisse alle Juden gewinnen. Plötzlich glaubte man an diese sensationelle Möglichkeit. Die große politische Sensation schien gleichbedeutend mit dem großen Gesinnungsumschwung der Juden. Auch der äußere Erfolg kann zu einem zuverlässigen und dauernden Mittel der Propaganda werden, aber nur wenn immer wieder neue sensationelle Ergebnisse politischer Arbeit da sind. Vielleicht ersetzt dann wirklich die durch unaufhörliche Freudenbotschaften erzeugte Spannung die bisher betriebene Erziehungsarbeit. Ich glaube aber, daß, abgesehen davon, daß wir nicht auf sich überbietende politische Sensationen rechnen können, wir Zionisten keine fruchtbare Wirkung von irgend einem noch so bedeutenden politischen Ereignis für den inneren Zustand der Judenheit erwarten dürfen. In den revolutionären Bewegungen anderer Völker spielen anscheinend bestimmte Ereignisse als Marksteine für die Erreichung des revolutionären Zieles eine entscheidende Rolle. Da das Ziel der Revolution immer die Zerstörung bestehender Einrichtungen ist, kommt alles auf den großen Sturm an. In gewaltigem Anlauf zerbrechen vereinte Kräfte das unerträgliche Hindernis der neuen Entwicklung. Der Durchbruch ist das Ziel, man kennt den Tag der Entscheidung und des Erfolges. Nachher mag es Enttäuschung geben, mag die frühere Wahrheit als Schwindel erscheinen; die revolutionäre Erhebung hat ihr Werk vollbracht. Diese Revolutionen nenne ich Revolutionen mit kurzem Atem. Wir aber brauchen etwas, was es noch niemals gab, wir müssen die Kraft haben, eine Revolution mit langem Atem zu erzeugen und aufrecht zu erhalten. Jahre und Jahrzehnte müssen wir Menschen für ein Werk, an dem alle kommenden Geschlechter arbeiten werden, bereiten. Nicht für die Zeit seltenen Erfolges, sondern für die schweren Jahre häufiger Mißerfolge brauchen wir unsere Organisation. Was machen Sie, wenn der Mißerfolg kommt? Wie werden Sie den Massenabfall beschwören. Jetzt haben wir es erlebt, daß ein zionistischer Führer aus Polen uns sagte: „In Polen ist jetzt eine großartige Konjunktur für den Schekel." Ich weiß nicht, ob dieser Herr die Stimmung beurteilen kann, aber sein Urteil ist jedenfalls bezeichnend für die grundsätzliche Auffassung, die man dort von den Bedingungen unserer zahlenmäßigen Fortschritte hat In Amerika herrscht die gleiche Auffassung von einer von guter oder schlechter Konjunktur abhängigen zionistischen Bewegung. Unsere Sache muß aber, wie Sie einsehen werden, vom äußeren Erfolg oder Mißerfolg in hohem Maße unabhängig sein. Gerade in der Zeit der Mißerfolge brauchen wir doppelte Anstrengungen. Schon aus diesem Grunde ist es ganz verfehlt zu glauben, wir könnten dadurch ein sichtbares Ergebnis erzielen, wenn wir sagen: Wir begnügen uns mit der Anerkennung des Baseler Programmes und erweitern so den Rahmen der Organisation. Einmal haben wir, wie gesagt, für den Eintritt, niemals mehr ^erlangt, und von den Gewonnenen wird schließlich jeder von uns mehr verlangen müssen. Wir müssen doch aber alle überhaupt erreichbaren Kräfte im Judentum heranziehen. Welche Möglichkeit gibt es da für uns? Haben wir erkannt, daß unsere Bewegung auf die Menschen zugeschnitten sein muß, die nach unserer Ansicht die Verantwortung für die zionistischen Forderungen zu tragen vermögen, so müssen wir eine Organisationsform schaffen, die allen Juden, auch wenn sie das Baseler Programm nicht anzuerkennen vermögen, die Möglichkeit zu einheitlicher Zusammenarbeit mit uns gibt. 208

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