Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 207 (sequence 217)
- Language
- German, English, Hebrew
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denken doch sonst so real-politisch! So werden Sie einen nationalen Aufbau nicht machen können. Es ist ein merkwürdiger Versuch, aus der Not eine Tugend zu machen. Erst stellen Sie fest, daß wir schwach sind, und ziehen dann daraus die Konsequenz, daß wir nur die Kontrolle ausüben können. Nur wenn Sie uns für stark hielten, für so stark, daß wir, wenn wir wollen, alles selbst machen können, dann könnten Sie zu der Ansicht kommen, daß andere sich unserer Führung, unserer Kontrolle unterwerfen werden. Sie selbst und die Ihnen nahestehenden Zionisten haben zur Schwächung der Organisation beigetragen. Der Fehler Ihrer Gruppe bestand darin, daß sie Machtmittel der Judenheit aus der Hand gegeben hat. Ich denke da an den Austritt der Brandeis-Gruppe aus dem Joint Distribution Commitee. Die Frage der Zusammenarbeit der Zionistischen Organisation mit anderen Gruppen wird wesentlich nicht bei den sogenannten rentablen Unternehmungen, an die Sie vor allem denken, sondern bei den sogenannten unrentablen Unternehmungen. Wer macht die unrentablen Dinge in Palästina? Diese unrentablen Unternehmungen verschlingen ungeheure Mittel, größere Mittel, als der Zionistischen Organisation bisher zur Verfügung gestanden haben. Bei einer Reorganisation muß die Frage gelöst werden, woher die Mittel für die unrentablen Unternehmungen kommen. Sie erwarten vieles von der palästinensischen Landesverwaltung. Wenn diese Verwaltung noch so vieles schafft, so bleibt in einem Lande mit 90 % Arabern für uns mehr zu tun, als unsere Kräfte zu bewältigen vermögen. Die Anspannung aller Energie wird nötig sein, um die Mittel für die Arbeiten zu schaffen, die selbst nach Ihrer Meinung, nach Ihren Plänen notwendig sind. Sie sagten selbst, als Sie von der Mitarbeit der nichtzionistischen Gruppe sprachen, daß Sie sich die führende Stellung des Zionismus vor allem als eine geistige vorstellten. Geistige Führung des Zionismus also ohne eine Zionistische Organisation! Sie haben in Wahrheit das stärkste Instrument, das Sie für Ihre Arbeiten hatten, die Zionistische Organisaton, bagatellisiert, weil niemand von Ihnen wußte, durch welchen Geist diese Organisation zu beleben und zu erweitern ist. Sie glauben an eine geistige Führung des Zionismus, sagen, daß man in Amerika verabsäumt habe, die Masse zu erziehen und erklären gleichzeitig, daß diese geistige Bewegung sich mit dem Baseler Programm als einer zionistischen Forderung begnügen müsse. Auch wir sind der Ansicht, daß zum Eintritt in die Zionistische Organisation die Anerkennung des Baseler Programms genügt. Wir gehen sogar noch weiter. Wir geben Dr. Kollenscher recht, wenn er meint, noch nie habe man sogar beim Eintritt gesagt: Du mußt das Baseler Programm anerkennen. Man hat nur gefragt: Willst Du Schekel zahlen? Das. ist richtig. Aber darauf kommt es eben nicht an. Die Frage ist: Was machen wir mit den Leuten, die den Schekel bezahlt haben? Wir alle wollen doch nicht nur den Schekel. Die Beantwortung dieser Frage hängt eng mit dem letzten Punkt zusammen, den ich erörtern will: Mit der Frage der Mitarbeit aller Juden. Brauchen wir mehr als den Schekel, so müssen Sie, wie ich Ihnen zeigen will, die Organisation ausbauen und ihr die Möglichkeit geben, Propaganda und Erziehungsarbeit zu leisten. Das werden Sie von London aus nicht tun können. Das wird Ihnen nur durch Exposituren außerhalb Londons gelingen, die mit Leuten besetzt sind, die die Kraft haben, sowohl die zionistische Ideenpropaganda wie die Aktion für die Geldaufbringung zu vereinheitlichen. Sie sind gegen Theorie und für Empirie. Wir haben Erfahrungen gesammelt, und ich will Ihnen einiges von diesn Erfahrungen berichten. Als ich Herrn Simon in Berlin fragte, welche Erfahrungen er m der Geldbeschaffung gemacht habe, erwiderte er mir: keine. Den Beweis, daß mit Hilfe der von ihm vertretenen Gesinnung Mittel zu erlangen seien, hat er, wie er selbst nicht bestreiten kann, nicht gebracht. 207