Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 209 (sequence 219)
- Language
- German, English, Hebrew
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Wir schlagen Ihnen eine Politik vor, die wir Bündnispolitik nennen, und halten daher den Keren Hajessod für die gegebene Gesamtorganisation aller Juden für die Palästinaarbeit. Im Keren Hajessod verbinden sich Nichtzionisten und Zionisten zu gemeinsamer Tat ohne Rücksicht auf ihre gesinnungsmäßige Stellungnahme. Ich glaube an die Möglichkeit, durch den Keren Hajessod, in dem die Nichtzionisten einen entsprechenden Einfluß haben müssen, nichtzionistische Kreise für das Aufbauwerk zu gewinnen. Für die Beschaffung der Mittel von Zionisten ist die nationale Propaganda und Erziehung das beste Mittel. Erziehungsarbeit von Jahrzehnten war nötig, um uns den Mut zu geben, den Maasser zu verlangen und von einer nicht unbeträchtlichen Zahl auch wirklich zu bekommen. Nur Menschen, die den Zionismus als ihr persönliches Schicksal empfinden, entschließen sich zu solchen materiellen Leistungen und fügen sich der von uns beschlossenen Steuer. — Der Versuch, den Keren Hajessod, eine Steuer, in Gegensatz zur Privatinitiative zu bringen, ist absurd. Es handelt sich praktisch immer um eine nicht ernst gemeinte Ausrede. Wenn mir diese Ausrede begegnet ist, habe ich, um die Probe aufs Exempel zu machen, nie widersprochen, sondern immer gesagt: „Also stellen Sie 10 % Ihres Vermögens und Einkommens sofort für ein von Ihnen zu betreibendes Privatunternehmen bereit, dann will ich Ihnen glauben!" (Beifall.) In jedem Falle stellte es sich heraus, daß es sich nur um eine Ausrede gehandelt hat. Diese und alle anderen Ausreden werden Sie immer wieder bei Menschen finden, die nicht von der Kraft der nationalen Idee ergriffen worden sind. Was diese nationale Idee ist, darüber zu reden ist auf unseren Tagungen fast unmöglich geworden. Noch nie habe ich so deutlich wie auf diesem Kongreß empfunden, wie abgebraucht alle Worte sind, mit denen wir unsere besten Empfindungen bezeichnen. Die Vokabel vom jüdischen radikalen Nationalismus wird formelhaft von Menschen gebraucht, die den wirklichen Sinn längst vergessen haben. Weil aber die Worte abgenutzt sind, hat die Sache ihren Wert nicht verloren. Unsere Aufgabe muß es sein, den alten Worten ihren wahren Sinn zu verleihen. Die Auseinandersetzung mit Julius Simon über die Mittel der Gewinnung von Geld und Menschen ist eine Gelegenheit, um die Erforderlichkeit der nationalistischen Triebkräfte zu erweisen. Wenn Julius Simon nämlich meint: „Der Gedanke, am Aufbau Palästinas mitzuwirken, vermag genug Empfindungen auszulösen,4' so erscheint mir sein Irrtum schon durch das Wörtchen „genug" ausreichend gekennzeichnet zu sein. Mit einem „genug von Empfindungen" werden wir für unsere Sache, die der angeblich natürlichen Entwicklung und allen vernünftigen opportunistischen Erwägungen widerspricht, nicht die ungeheuer großen Summen aus Menschen herausholen, die ihre alten Maßstäbe beim Geben behalten und nur zu den alten anerkannten Verpflichtungen eine neue hinzufügen. Den neuen, angesichts unseres Geldbedarfs doch zweifellos notwendigen Maßstab, werden nur Menschen anlegen, die ohne Rücksicht auf ihre Umgebung, ohne Ueberlegung, ob sie ihren persönlichen Vorteil befördern oder nicht, nur aus notwendigem jüdischem Freiheits¬ und Kulturgefühl, aus der eindeutigen Liebe zum jüdischen Volke, sich zu jeder verlangten Leistung verpflichtet fühlen. Solche Menschen brauchen wir als Vollstrecker unserer aus der Not geborenen Gesetze. Den Unterschied zwischen diesen Menschen und denjenigen, die an einer Teilidee genug haben, werden Sie auch nicht durch eine Ueberweisung der sogenannten nationalen Politik an die Landesorganisationen, die Simon wünscht, aus der Welt schaffen. In allen Ländern, auch in den Westländern, werden Sie, wenn überhaupt eine arbeitende zionistische Organisation besteht, zwei getrennte jüdische Lager finden, und es wird für die Nichtzionisten keinen Unterschied machen, ob die zionistische Gruppe nach Weisungen einer Zentrale handelt, oder nach eigenem Ermessen ihre 14 209