Mannheim
Compact Memory

Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in … · 1922-01-01 · 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921 · p. Seite 193

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
Volume
12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
Date
1922-01-01
Page
Seite 193 (sequence 203)
Language
German, English, Hebrew
Belongs to
journal volume
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3476254-3476278--4493-3480637
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

nisten, von den Führern bis zu den einfachsten zionistischen Soldaten, wissen ausgezeichneten Bescheid darüber, wie man das zionistische Geld ausgeben und verwenden soll. Aber ich glaube, daß kaum 5 % der Zionisten sich mit der Frage beschäftigen: wie wirbt man das Volk und bekommt man das Geld, um diese Ratschläge zu verwirklichen? In dieser Disproportion liegt das Verhängnisvolle für die ganze Zionistische Organisation. Deshalb will ich über praktische Dinge reden. Ich werde ablassen von der Kritik der ökonomischen Fragen. Julius Simon hat Jabotinsky zugerufen: Mische Dich nicht in ökonomische Fragen, die verstehst Du nicht. Wenn ein Mann wie Jabotinsky, der Oekonomie studiert hat, die ökonomischen Fragen nicht versteht, wie verlangt Herr Simon das von Mittelmenschen? Die es verstehen, sollen sich auf zwei Stunden in einem Raum einschließen und über ökonomische Fragen beraten und beschließen. Denn hier auf dem Kongreß kann man über ökonomische Fragen nicht beschließen. So macht es jede Regierung. Ich habe nicht gehört, wenn in einem Lande ein Kanal gebaut werden soll, daß man die Details vor das Parlament bringt. Ich will also diese Fragen "flicht berühren. Ich möchte aber auf eine andere Frage eingehen, die mich interessiert. Es ist keine Personenfrage, sondern es handelt sich um zwei verschiedene Strömungen im Zionismus, die in der ganzen jüdischen Welt — in Europa wie in Amerika — zu sehen sind, und die auch hier im Saale bemerkbar sind. Ich möchte, daß wir jüdischer werden und keinen Personenkultus treiben, der bei uns so große Dimensionen angenommen hat, daß wir darunter ersticken. Der Prophet Jesaiah sagte: „Chidlu lachem min haadam" (Lasset ab vom Menschen). B r a n d e i s und M a c k stehen persönlich vielleicht sehr hoch, es ist auch niemandem eingefallen, sie als Personen zu bekämpfen, sondern man bekämpft ihre zionistische Auffassung. Die Frage ist: wie soll Erez Israel geschaffen werden und durch wen? Da muß man die Beziehungen zum lebendigen jüdischen Volk klarlegen. Wir müssen das Menschenmaterial nehmen, das wir haben. In der Verneinung des Golus-Nationalismus liegt etwas mehr als bloß theoretische Verneinung. Es fragt sich: Wie bezieht man sich zu dem lebenden jüdischen Volk? Kann in Erez Israel eine jüdische Nation entstehen, die keinen Zusammenhang mit der ganzen Vergangenheit hat, oder wird Erez Israel bloß eine Fortsetzung des Galuth sein? Ohne Galuth, d. h. ohne die lebendige Kraft des jüdischen Volkes, gibt es kein Erez Israel. Wenn Sie etwa glauben, Palästina mit Geld und Sachverständigen aufbauen zu können, irren Sie. Ohne die Liebe zum lebendigen Judentum werden Sie Palästina nicht bauen. (Großer Beifall.) Wir sagen, daß wir die Juden nur vom Golus nehmen werden, da muß man sich mit dem Golus beschäftigen. Jene sind nicht schlechte Menschen, aber sie kennen nicht den Galuth. Das ist nicht nur eine Frage der theoretischen Auffassung. Und da will ich Euch etwas erzählen. 30 Jahre zurück hat einer von unseren besten Geistern, der bekannte Historiker Simon Dubnow in Rußland, vorausgesagt: Der Schwerpunkt des Judentums wird übergehen in den Osten, der Schwerpunkt der Judenheit in den Westen, nach Amerika. Dreieinhalb Millionen Juden, 25 % des gesamten jüdischen Volkes, leben jetzt, nach 30 Jahren, tatsächlich in Amerika. Die 334 Millionen des amerikanischen Judentums haben sich leider nach zwei negativen Richtungen entwickelt. Die eine Richtung war die Reformbewegung, die andere die sozialistische. Die Reformbewegung war nicht eine religiöse, sie war eine nationale. Sie rekrutierte sich zu 90 % aus den reich gewordenen Juden aus Deutschland. Die andere Gruppe sind die aus dem Osten eingewanderten Arbeiter, die unter sozialistischen Einfluß geraten sind. Ich würde dies nicht bedauern, wenn jener Sozialismus 13 193

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.