Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 192 (sequence 202)
- Language
- German, English, Hebrew
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große Ausgaben für das Erziehungswesen mache, und gar viele von uns legen sich die Frage vor, ob wir nicht im Notfalle manche Streichungen vornehmen sollen. Aber w i e wir uns diese Frage vorlegen, das ist der Unterschied. Die Kälte, das Nichtverstehen dessen, was das jüdische Erziehungswesen in Palästina sowohl für die Zukunft des zionistischen Zieles, als für die Gegenwart der zionistischen Propaganda bedeutet, das ist das, was ganze Mauern zwischen uns aufrichtet. Es gilt hier dasselbe, wie bei den Beziehungen zu der sogenannten Gegenwartsarbeit. (Nebenbei gesagt ist dieser Name völlig unzutreffend, da es sich um eine Arbeit der Gegenwart um der Zukunft willen handelt.) Auch unter uns, den national gesinnten Elementen, gibt es gewiß eine verschiedene Bewertung dieser Arbeit, aber das Nichtverstehen dessen, daß, wenn um die Gegenwartsarbeit in der Diaspora gekämpft wird, nicht bloß um äußerliche Rechte gekämpft wird, sondern darum, daß diese Rechte so und nicht anders sein müssen, damit wir unser Leben im nationalen Sinne auch nur irgendwie fortsetzen können, damit wir selbst für den Zionismus arbeiten können, das macht den Unterschied. Wenn ich aber schon diesen Punkt noch einmal berühre, so will ich hier noch folgendes aussprechen: Wir nehmen es jenen Leuten, welche heutzutage so leichthin die Arbeiten der nationalen Rechte in der Diaspora behandeln, vor allem übel, daß sie das gesamte Erlebnis des osteuropäischen Judentums überhaupt nicht erfaßt haben. Da ringen im Kampf Millionen Juden gegen eine Mauer von Feinden, um Dinge, die sie den andern erst beweisen müssen, die unseren Feinden oft als überflüssige Widerwärtigkeiten erscheinen, die von allen assimilatorischen Juden innerhalb des Judentums selbst als unberechtigt zurückgewiesen werden; da kämpfen sie einen wunderbaren Kampf, über den die Geschichtsschreiber goldene Blätter schreiben müssen und dieser ganze Kampf geht an jenen Leuten spurlos vorüber und sie tun ihn ab mit der Erklärung: „Draußen können Sie machen, was Sie wollen, aber innerhalb des Zionismus haben wir uns darum nicht zu kümmern." Verstehen Sie nicht, wie wenig jene Widersacher des Kampfes der jüdischen Massen um ihr nationales Recht die jüdische Seele erfaßt haben, wie weit sie von den Juden der Diaspora, von den Juden Palästinas innerlich entfernt sind? Hier sind Welten, die uns trennen. Wir müssen aber den Mut haben, die Unterschiede zu verstehen, wir müssen den Mut haben, so zu leben und zu reden, so zu denken und zu hoffen, wie wir wollen, und können es den andern überlassen in ihrer Manier den Zionismus zu vertreten, in ihrer Manier am Palästina-Auf bau teilzunehmen. Nur ein solcher Standpunkt wird uns auch die Ehrlichkeit geben, Wege zu finden, auf denen wir zwar getrennt marschieren, aber vereint mit ihnen schlagen werden. (Stürmischer Beifall und Händeklatschen.) Delegierter Dr. Schmarjahu Lewin (Amerika, mit lebhaftem Beifall empfangen, spricht jüdisch): Sehr geehrter Kongreß! Sie werden mir verzeihen, wenn ich mit Ihnen etwas intimer rede. Ich bin einige Tage hier wie ein Beobachter gesessen, und bemühte mich, die Stimmung des Kongresses zu erforschen. Ich glaube nicht, daß der Kongreß bei Ihnen die Stimmung hervorgerufen hat, die wir alle erwartet haben. Der Hauptgrund liegt darin, daß wir uns mit vielen Dingen beschäftigen, welche gar nicht von uns abhängen und die wir auch nicht beeinflussen können. Wenn ich die ganze Zionistische Organisation betrachte — und ich kenne sie ziemlich genau — wenn ich eine Statistik aufstellen würde, dann könnte ich beweisen, daß 90 % aller Zionisten sich mit Politik beschäftigen und glänzende Ratschläge über die schwierigsten Fragen unserer Diplomatie geben können. 80 % aller Zio- 192