Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 188 (sequence 198)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4488-3480632- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
festigkeit zu einer heroischen und historischen Figur machen würde. Allein die Entwicklung dieses Mannes ist einen andern Weg gegangen, als wir erwartet und gehofft hatten. Allmählich ist B r a n d e i s uns entfremdet worden, er war zwei Monate später, in dem Moment, da ich ihn zum ersten Mal sah und kennen lernte, bereits weniger national, abgekühlt und vielleicht auch durch die vom Ideal sich dermaßen unterscheidende Wirklichkeit enttäuschend für mich. Er hat schon im Jahre 1917 bis zu einem gewissen Grade seine nationale Seele verloren und kämpfte nicht mehr mit uns zusammen auf der Grundlage der nationalen Idee und hatte bald eigentlich nicht mehr dafür zu kämpfen. Im Jahre 1916 hatte Brandeis eine integrale jüdisch-nationale Seele besessen, welche wie durch Atavismus aus früheren Jahrhunderten zu ihm hinübergewandert war; Ende 1919 hatte Brandeis nur noch einige Traditionen und Erinnerungen und einen gewissen Zwang, der aus der Pflicht bestand, welche er übernommen hatte. Darin lag und liegt die ganze Tragödie dieses Mannes, welche vielleicht ihm selbst nicht absolut zum Bewußtsein gekommen ist. Sie liegt darin, daß er und seine Anhänger vor ihrer eigenen Kühnheit zurückgeschreckt sind und aufgehört haben, mit uns zu sein. Sie betraten darum einen Weg, der von uns weit weg führte. Es ist doch charakteristisch, mit welcher Gleichgültigkeit, ja manchmal mit welcher Verächtlichkeit diese Kreise heute vom sogenannten Gegenwartsprogramm, vom Kampfe um nationale Rechte und dergleichen, reden. Die Herren um Brandeis vergessen damit, daß sie ein herrliches Kapitel jüdischer Geschichte ausstreichen wollen, welches sie selber hervorgerufen und geschrieben hatten, nämlich das Kapitel des amerikanischjüdischen Kongresses, der seinen innern Wert einbüßt, sobald die natürlichen Forderungen des östlichen Judentums mit solchem Indifferentismus und so von oben herab behandelt werden. Schon dadurch allein hat sich zwischen ihnen und den großen jüdischen Massen eine Kluft aufgetan. Hoher Kongreß! Ich will auf die Wichtigkeit des gesamten Komplexes der sogenannten Gegenwartsarbeit nicht eingehen. Ich will es nicht im Rahmen dieser Ansprache tun, um nicht oberflächlich zu sein. Aber verstehen Sie nicht, worum es sich überhaupt handelt? Es handelt sich in der Erziehung zum Wollen nicht allein um die Frage nach dem Wohl oder demWehe vonMillionen Juden, sondern in einem gewissen Sinne um das Verständnis und die Begründung des Zionismus, um die Begründung dessen, daß wir überhaupt existieren sollen. Wenn man uns die umfassenden nationalen Grundlagen des Zionismus und die daraus resultierenden Konsequenzen nimmt, hat der Zionismus für uns das innere Interesse verloren. Denn in dieser Beschränkung existiert der Zionismus für die große Bewegung, für das lebende oder lebenwollende Volk überhaupt nicht mehr. Das ist es, was, abgesehen von den persönlichen Beimischungen, den ganzen Kampf im letzten Jahre innerhalb der Zionistischen Organisation ausgemacht hat. Darum müssen wir uns in die unvermeidliche Tatsache fügen, daß der Kampf diesseits und jenseits des Ozeans durchgeführt wurde, daß nichts verkleistert wurde und man muß zufrieden sein, daß wir nicht einen Zustand geschaffen haben, der uns durch Opportunismus in eine ganz andere Bahn hineingeleitet hätte. Würden wir auf dieser Bahn weiterwandern, so wären wir vielleicht imstande, noch eine kurze Zeit die Sachlage zu verhüllen. Wem wäre aber damit geholfen? Wir würden schließlich auf die trennende Kluft kommen, die nicht durch programmatische Kompromisse zu überbrücken ist, welche unsere Bewegung überhaupt untergraben. Schließlich wird der Konflikt nicht auf zionistischen Kongressen, wohl aber möglicherweise später im palästinensischen Leben aus der Welt geschafft werden können. Denn ich will Ihnen, vor allen Dingen jenen, die von neuem die historische, jüdische Arbeit zu leisten haben, eine Frage vorlegen. Die 188