Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 177 (sequence 187)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4477-3480621- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eine ganze Provinz, die zum großen Teile durch jüdische Einwanderung entwickelt wurde. Aber wenn die jüdischen Einwanderer es entwickelten, gab es schon ein Milieu, in das sie hereinkamen; es gab Häuser; sie waren an das Klima gewohnt, sie lagen nicht zwei Tag im Monat krank mit Fieber, sie brauchten keine H a d a s s a h, sie brauchten kein Chinin, sie brauchten alle jene Extraausgaben nicht, die wir jetzt in Palästina machen müssen. Ich weiß, daß es in Amerika kolossale Betriebe gibt, wo man Fabriken inmitten von Wüsten schafft, und zur selben Zeil Häuser und Spitäler. Dafür aber hat man dort ungeheure Kapitalien, über welche wir nicht verfügen. Unser Menschenmaterial ist der jüdische B a 1 a b o s mit seinem kleinen Kapital. Wenn die Zeit dazu kommen wird, wird er es investieren, aber das kann er nur unter normalen, günstigen Bedingungen, wenn die Voraussetzungen schon da sind. Dann wird es gehen. Aber heute geht es noch sehr schwer. Heute sehen Sie, daß, wenn ein kleiner Kapitalist nach Palästina kommt, und mit jüdischen Arbeitern arbeiten will, findet er, daß es für sie noch keine Häuser gibt, keine Spitäler, daß sie Chinin brauchen und alle solche Zugaben, die der kleine Kapitalist nicht geben kann. Darum sagen wir, daß die erste Arbeitsperiode in Palästina in gewissem Sinne eine künstliche sein muß. Nachher, wenn die Voraussetzungen fertig sind, wird es schon vor sich allein gehen können. — Das hat man übersehen, weil man das Buch nicht zu Ende gelesen hat. Wissen Sie, welche Bücher man auch nicht zu Ende gelesen hat? Ich fürchte, auch den Bericht der Reorganisationskommission hat man nicht zu Ende gelesen. (Ruf: Nicht begonnen! Heiterkeit.) Jawohl, und zwar jene Herren, die ihn geschrieben haben. (Lebhafte Heiterkeit.) Kennen Sie den Kernpunkt dieses Buches in bezug auf unsere landwirtschaftliche Kolonisation? Die große Entdeckung, daß das Systemder vollen Ausrüstung, des „Füll Equipment" falsch ist? Es sei keine Kolonisation, wenn Sie einen Mann nehmen, der keinen Pfennig hat, und ihm alles zu Geschenk geben — ein Haus, Maschinen, Inventar, Vorschuß für das erste Jahr. So etwas gehe nicht. —Das ist richtig; das ist keine normale Kolonisation; das ist eine künstliche Kolonisation. Aber wir sind ja in einer Notlage. Der kleine Mann aus Rußland, den wir vor dem Kriege kannten (es waren da Hunderttausende von jüdischen Balabatim, gute oder schlechte Landwirte, aber Leute mit Zähigkeit und ein bißchen Kapital), ist wirtschaftlich ruiniert. Aus gewissen Ländern, wie Oesterreich, kommen Leute mit riesigen Beuteln voll Papiergeld, aber sie besitzen eigentlich garnichts, wenn sie in Palästina angekommen sind. Das wird sich vielleicht übermorgen ändern, aber was macht man heute? „Man muß nur gesunde, kapitalskräftige Leute equipieren, welche Geld habe n", heißt es auf Seite 33. Aber auf Seite 44 hat man sich schon „mejaschew" gewesen, daß der kapitalskräftige Balabos heute nicht existiert. Darum heißt es dort, daß, wenn man Leute mit Geld nicht finden kann, man doch Unbemittelte kolonisieren müsse mit einem Vorschusse ä fonds perdu, und dafür müsse man einen „Agrar-Ausstattungsfonds" gründen. Wir nennen das Keren Hajessod; sie nennen es Agrar-Ausstattungsfonds, und so haben sie ein neues System erfunden. Ich bin bereit zu unterbrechen und mir, dem kleinen dummen Mann, erklären zu lassen, worin der Unterschied zwischen dem „Füll Equipment", den sie auf Seite 33 bekämpfen, und jenem besteht, den sie auf Seite 44 verteidigen. (Beifall.) Noch ein gutes Prinzip, welches man nicht zu Ende gelesen hat! Sie haben in ihrem Referate hier gesagt, daß man Palästina nicht von London aus regieren soll. Einverstanden! Viele Palästinenser kämpfen dafür. Ich habe auch die Ehre gehabt, dafür zu kämpfen. Diese Touristenwirt- 12 177