Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 171 (sequence 181)
- Language
- German, English, Hebrew
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Siedlung, richtiger, es verspricht uns auf dem Papier die Freiheit der Einwanderung und Kolonisation, es gibt uns ein gewisses Maß von nationaler Autonomie und die einzige mehr reale Garantie, die uns das Mandat bietet, ist die Anerkennung der Zionistischen Organisation als der legalen jüdischen Vertretung für Palästina. Aber niemand wird sagen, daß die Bedingungen des Mandates die Erwartungen der zionistischen Bewegung erfüllt haben. Die heutige Administration von Erez Israel wurde bereits von meinem Freunde Katznelson mit der ihm eigenen Kenntnis der örtlichen Bedingungen charakterisiert. Es könnten genug Tatsachen angeführt werden, die die Schlußfolgerung berechtigen: das sind die Resultate der politischen und diplomatischen Tätigkeit der zionistischen Leitung. Ein Teil der Kritiker geht diesen Weg. Aber ich meine, daß dies uns nur zur Kritik von Personen führt, zu einer unfruchtbaren Diskussion über die Fähigkeiten oder den Mangel an Fähigkeiten der Mitglieder der Exekutive. Indes der Zustand der zionistischen Bewegung hängt von diesen Faktoren nicht ab. Wir sollten wissen, daß die zionistische Bewegung eine Krise durchmacht und daß diese viel tiefere Wurzeln hat. Gewiß, es fällt mir nicht ein zu sagen, daß die heutige Leitung der Bewegung an der Krise unschuldig ist. Was wir ihr aber in erster Linie zum Vorwurf machen, ist, daß sie dem ganzen jüdischen Volke und der zionistischen Oeffentlichkeit die Schwierigkeiten und wahren Aufgaben der jüdischen Politik in Palästina nicht in ihrem ganzen Ernst und im richtigen Licht aufgedeckt hat. Wir haben bisher nicht den Mut gefunden, einander die Wahrheit zu sagen. Wir haben vergessen, daß wir, ehe wir die Achtung der herrschenden Mächte und jener Faktoren, mix denen wir rechnen müssen, gewinnen können, beweisen müssen, daß wir uns keinen Illusionen hingeben, sondern die Wahrheit sehen und den Mut haben, sie auszusprechen. Die Stellung Englands in Palästina ist mit dem Worte Balfour- Deklaration weder definiert, noch erschöpft. Wir müssen uns darüber klar sein, daß die Deutungsfähigkeit der Balfour-Deklaration kein Zufall ist. Es ist auch kein Zufall, daß das Mandat so kautschukartig ist. Wir müssen verstehen, daß die Stellung von Großbritannien in Palästina, die internationale Lage von Erez Israel und unsere Position im Lande durch die Deklaration von Balfour nicht geregelt sind. Wir müssen einsehen, daß das heutige England noch für lange Zeit eine Politik der freien Hand in Palästina zu führen wünscht. Wir dürfen nicht der jüdischen Oeffentlichkeit einreden und die Illusion hervorrufen, daß mit der Balfour- Deklaration der Weg nach Palästina freigemacht wurde. England ist nach Palästina nicht uns zuliebe gegangen, ebenso wie wir nicht England zuliebe hingehen. England hat seine internationalen Interessen in Palästina und beim Suezkanal, und diese Interessen werden immerfort von den verschiedenen Teilen der englischen Oeffentlichkeit verschieden ausgelegt werden. Es wird immer eine politisch-reaktionäre Strömung geben, die den arabischen Orient durch ein Bündnis mit den arabischen Effendis und Scheichs zu beherrschen sucht, und diese Strömung wird mit den jüdischen Interessen nicht rechnen. Es gibt aber noch ein anderes England. Es gibt liberale Kreise, die im Bericht der Exekutive erwähnt sind, welche in den ersten Jahren geholfen haben, die englische Oeffentlichkeit für die Balfour-Deklaration vorzubereiten. Es besteht vor allem das große Arbeitervolk von England, das organisiert ist und sich ein Machtinstrument in der britischen Arbeiterpartei geschaffen hat. Es ist ein Glück und ein Beweis der Lebensfähigkeit des Zionismus, daß wir auf die Sympathien und die Unterstützung gerade des freiheitsliebenden, kämpfenden proletarischen Teils des englischen Volkes rechnen können. Ich erinnere daran, daß es gerade die englische Arbeiterpartei war, die noch 171