Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 155 (sequence 165)
- Language
- German, English, Hebrew
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- Pinsk 1× ep/1045440
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nalen Zionismus stehen. (Lebhafter Beifall.) Denn nur ein nationaler Zionismus ist die lebendige Kraft, mit der wir etwas Außerordentliches unternehmen können: den Wiederaufbau eines Landes, welches wir seit zweitausend Jahren nicht mehr unser nennen. Anationaler Zionismus ist entweder Philanthropie oder etwas ähnliches wie z. B. die englisch-hindustanische Company seinerzeit gewesen ist, die nach Indien gegangen ist, um dieses Land als Perle der englischen Krone einzufügen. Man hat auf diesem Kongreß so viel von einer Brücke zwischen Washington und Pinsk gesprochen. Ein amerikanischer Redner hat von der Brücke zwischen New York und Jerusalem gesprochen. Und ich sage, die Brücke zwischen Pinsk und N e w Y o r k ist nicht gerissen, diese Brücke besteht noch. Wenn man die Landsmannschaften in diesem Saale nach ihrer geographischen Herkunft zusammensetzt, so bildet dieser Saal eine ethnographische Karte der ganzen Welt. In New York leben Juden der ganzen Welt und dieses New York wird noch immer repräsentiert durch die Judenschaft des Ostens. Denn der große Kochkessel in Amerika hat die Juden noch nicht verdaut und wird auch das jüdische Ghetto in New York nicht verdauen, das sich fortwährend durch den Zufluß aus dem Osten erneuert und vergrößert. Wenn auch wir Zionisten nun streng auf unserem Programm beharren, so müssen wir auch Verständnis für die assimilierten Juden des Westens haben. Assimilationist nicht eine fertige Tatsache, sondern ein werdender Zustand. Wir Juden im Osten empfinden es mit blutendem Herzen als eine Schmach, wenn eine Oberschicht sich bemüht, sich der herrschenden Nation anzupassen. Aber die Juden in den westlichen Ländern, in England, Frankreich, Italien und Amerika waren bereits assimiliert, ehe H e r z 1 auftrat. Können wir nun von diesen Juden verlangen, daß sie volles Verständnis haben für unsere nationalpolitischen Forderungen, wo sie doch selbst verschwindende Minoritäten sind? Das können wir nicht. Darum müssen wir Verständnis für sie haben und müssen anerkennen, daß es unter ihnen Juden gibt, deren Seele bis ins Tiefste jüdisch ist. Erst gestern hat mir ein hervorragender jüdischer Gelehrter ein kleines Erlebnis erzählt, welches sehr charakteristisch ist. Er besitzt ein Tagebuch H e r z 1 s in Originalhandschrift. Vor kurzem hatte er eine Unterredung mit einem assimilierten Juden aus Bukarest, der dem Judentum ganz fremd gegenüberzustehen schien und den Zionismus ablehnt. Als dieser Gelehrte dem Manne zufällig während des Gespräches das Tagebuch Herzls zeigte, ging eine merkwürdige Wandlung mit ihm vor. Tränen traten in seine Augen, mit zitternder Hand nahm er das Buch an sich und drückte auf die heiligen Schriftzeichen unseres verewigten Führers einen Kuß. Das ist eine Tatsache, die zu denken gibt, die einen Blick werfen läßt in die Tiefe der jüdischen Seele, wo das Judentum fest verankert ist. Ich habe auf dem Kongreß Umschau gehalten und die Menschen beobachtet. Ich habe gesehen, wie ein hervorragender deutscher Künstler Mitglied des Misrachi ist, ein Mann, der äußerlich einem Juden gar nicht ähnlich sieht. (Widerspruch und Heiterkeit.) Der Mann, der nach meiner Ansicht nichts hat von den merkwürdigen Eigentümlichkeiten unserer Rasse und vielleicht auch nicht das Verständnis für die nationale Bewegung im Osten, hat sich der Misrachibewegung angeschlossen, weil das Judentum bei ihm in dieser Richtung ein Ventil gesucht hat. Um mit dem Genius des Ortes Karlsbad zu sprechen — dieses Gefühl ist wie die heiße Quelle, welche einen Ausweg sucht aus den Spalten und Ritzen, und findet sie einen solchen, so bricht sie hervor. Meine geehrten Herren! Vizepräsident Motzkin (unterbrechend): Herr Dr. Ebner, erinnern Sie sich, daß Sie zur Generaldebatte sprechen! 155