Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 136)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4426-3480570- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
zu brauchen ist, was man in der Tasche hat und herausziehen kann, wenn man es nötig hat, man mißbraucht die Idee bis zum Zynismus. Man fragt zuweilen: wie gewinnt man das Volk? Darauf gibt es keine Antwort, weil es eine falsche Frage ist, oder wenn es eine Antwort gibt, so kann man nur sagen: indem man das Volk erzieht, gewinnt man es. Wie gewinnt man das Volk? Indem man Großes verspricht und Großes fordert. Indem man das ganze Leben verspricht und den ganzen Menschen fordert. Aber man kann dies nur — und das ist ein Wort, das ich an alle Einzelnen richte — man kann dies nur, wenn man selbst den ganzen Menschen einsetzt. Man kann das Schwere nur fordern, wenn man es sich selbst nicht leicht macht. Und was ist die Folge dieser Entwicklung? Die Folge ist die Erstarrung des Nachwuchses und zum großen Teil der Verlust des Nachwuchses an andere Bewegungen, die Größeres versprechen — ich meine das ganze Leben des Menschen — und Größeres fordern. Die Folge ist der Abfall der geistigen Kräfte; und ich erinnere daran, was Weizmann auf dem Haager Kongreß von dem Abfall der geistigen Kräfte gesprochen hat. Man kann das Volk nicht zu politischen Augenblickszwecken, man kann es nicht zu Zustimmungsäußerungen wahrhaft gewinnen; all das ist Scheingewinn, nur für den Augenblick, nicht für den dauernden Zusammenhang, nur für äußere Teilnahme, nicht für Opfer. Eine Gemeinschaft, die von ihren Mitgliedern Geld verlangt, wird Almosen bekommen. Eine Gemeinschaft, die von ihren Mitgliedern den ganzen Menschen verlangt, wird auch sein Geld bekommen. Und die vergeblichen sinnlosen Konzessionen an die Masse wirken auf die Idee zurück und verflachen die Idee. Manchen ist die Erkenntnis dieser Lage aufgegangen. Ein Verlangen nach Wiederbelebung merken wir an manchen. Aber sie schlagen einen falschen Weg ein, wenn sie zu dem aus der unglückseligen Situation und Stimmung Europas heraus geborenen falschen Heroismus greifen. Das ist die neueste der nationalen Assimilationen, die in der Geschichte des Zionismus nicht so selten sind. Die Umkehr des Judentums bedeutet auch die Abkehr von diesem Ungeist. Es gibt nur einen echten Heroismus in und um Palästina, den Heroismus der Arbeit. (Beifall und Händeklatschen.) Wie steht es mit der Verwirklichung der realen Arbeit in Palästina? Wie kommt es, daß in einem entscheidenden Augenblick unsere Kraft versagt hat? Wie kommt es, daß wir in dem Augenblick, wo wir etwas in Palästina selbst aufzuzeigen hatten, es nicht aufzeigten? Warum geschah die Vorarbeit nicht, die nicht bedeutet einen Kolonisations p 1 a n, sondern Vorbereitung einer organischen Kolonisation? Wie kommt es? Es kommt daher, weil keine feste Konzeption der realen Arbeit da war und daher keine Kontinuität der Verwirklichung. Unsere Kolonisation ist eine ganz einzigartige, ungleich aller kapitalistischen und imperialistischen Kolonisation. Das sage ich ohne aHe Dogmatik. Ich sage das nicht, als ob es nun gelte, die Privatinitiative auszuschalten; es gilt nur, die Gemeinschaft als die oberste Gewalt zu proklamieren und den Einzelnen ihr unterzuordnen. (Vorsitzender: Herr Dr. Buber, Ihre Zeit ist um!) Ich will mich nach Möglichkeit kurz fassen. Es gibt noch eine andere Privatinitiative 126