Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 119 (sequence 129)
- Language
- German, English, Hebrew
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alle Fragen, die uns beklemmen, klare Worte sprechen, ohne jede übertriebene und überflüssige Diplomatie. Dürfen wir als Wortführer des jüdischen Volkes sprechen? Zweifellos, — wir sind die legitimen Vertreter des jüdischen Volkes, denn der ganze organisierte Teil des jüdischen Volkes hat uns hierher entsandt, damit wir von dieser Tribüne aus seine Forderungen, seine vitalsten Interessen vertreten sollen. In und mit der Zionistischen Organisation sind Veränderungen vor sich gegangen, die keiner übersehen darf, übersehen kann. Wenn unser lieber Freund Simon der Zionistischen Organisation vorhält, daß sie klein und unbedeutend ist, so hat er die vor dem Kriege übliche Terminologie gebraucht. Merkt er, der die Zahlensprache so gut versteht, denn nicht, daß die 800 000 Schekelzahler, die sich in unserer Organisation vereinigt haben, eine große Macht darstellen? Wir sind wohl eine starke Macht! Ich unterstreiche diese Tatsache und dieses Wort und möchte unserm Bewußtsein tief einprägen, damit wir wie eine Macht vor die Welt treten. Vielleicht hat sich die Organisation in den letzten Jahren nicht mehr allzu sehr vertieft, aber in die Breite ist sie gegangen, und die Welt beachtet nur die Zahlenverhältnisse. Der organisierte Teil des jüdischen Volkes soll nunmehr zu Worte kommen. Meine Herren, das jüdische Volk hat bis jetzt das große Wort noch nicht gesprochen. Jetzt müssen wir unseren Gefühlen Ausdruck geben, und ich sage es rund heraus: Die Baltour- Deklaration hat das jüdische Volk nicht ganz befriedigt. Sie hat uns nicht das gegeben, was wir von einer, wie man vorgibt, besser gewordenen Welt nach unseren zweitausendjährigen Leiden zu erwarten das Recht hatten. Der erste Teil der Deklaration widerspricht eigentlich dem zweiten Teile. Wenn man unser Recht auf Palästina anerkennt, muß man auch die Verwirklichung dieses Rechtes ermöglichen. Das heißt: Man mußte uns das Recht auf Palästina, als das jüdische Heim, einräumen. Wir fordern Palästina, nicht bloß eine Ecke in Palästina. Möge die Welt nicht glauben, daß man uns ein großes Geschenk gegeben hat. W e i z m a n n sagte in der Eröffnungsrede, es herrsche in der Welt Gerechtigkeit. (Präs. Weizmann: Ich habe das nie behauptet.) Dann — um so besser. Denn in der Welt herrscht eben keine Gerechtigkeit, denn die Gerechtigkeit hätte uns Palästina, nicht etwas in Palästina gegeben. Wir wissen wohl, daß wir viel zu schwach sind, um unser Recht zu erkämpfen. Das heißt aber nicht, daß wir uns einfach unterwerfen müssen. Ich kann wirklich nicht der Mitteilung De Liemes glauben, Ussischkin habe gesagt, wir müßten in Palästina das Dulden lernen. Die ganze Vergangenheit Ussischkins widerspricht dem. Heroismus des Leidens haben wir gerade genug geübt, das war Goluspsychologie, Golusmoral. Zionismus heißt: Heroismus der Tat, zum mindesten der stolzen Haltung. In den jetzigen Bedingungen ist unsere erste Forderung — die Bestätigung des Mandats. Das wird aber immer wieder hinausgeschoben und England tut nichts dagegen. Wir fragen laut: warum geschieht das? Im Namen des jüdischen Volkes müssen wir fordern, daß endgültig etwas Konkretes geschaffen wird. Manchmal erfaßt uns geradezu Verzweiflung. Ist es denn nicht zum Verzweifeln, daß die Welt, auch wenn sie uns einmal ausnahmsweise mit einer Hand gibt, es bald mit der anderen wieder nimmt? Wenn aber ein Fünfzehn-Millionen-Volk in Verzweiflung gerät, dann bildet es eine Gefahr nicht nur für sich selbst, sondern auch für die ganze Welt. Das sollte doch die Welt, besonders die, die uns unter ihren mächtigen Schutz einigermaßen nehmen wollen, bedenken. Wir verlangen von unseren Führern, daß sie kühner, fester, energischer in unserem Namen sprechen. Sie müssen wissen, daß sie ein Recht, nichts als ein Recht vertreten. Der Kongreß muß in erster Reihe die Ratifizierung des Mandates fordern. Ich weiß wohl, daß unsere Führer alles taten, was 119