Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 43)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3476254-3476278--4333-3480477- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
wohl nur ein mutwilliges Bubenstück zu sein; aber es hat eine tiefere symbolische Bedeutung. Ein Volk wird dem Hohne und der Verachtung preisgegeben. Oder es gelingt, die Zahl dieser Vorfälle einzuschränken; aber die Gereiztheit bleibt. Dann kommen die klugen Leute und sagen: ja, all das ist bedauerlich, aber die Zeiten sind eben aufgeregt. Das ist ein schwacher Trost, denn auch für die Juden sind die Zeiten aufgeregt, auch sie leiden darunter und sollten nicht noch speziell leiden, weil sie Juden sind. Der Unterschied zwischen ruhigen und unruhigen Zeiten besteht übrigens darin, daß in ruhigen Zeiten die Wahrheit nicht mit so erschreckender Deutlichkeit in die Erscheinung tritt. In ruhigen Zeiten blühen die Illusionen; aber kaum wird die Atmosphäre etwas erregt, da fällt die Maske, und anstatt des Freundes erblickt man den Feind. Die schwerbedrängten und beleidigten Juden protestieren. Was ist natürlicher? Ist nicht ein Volk nichtswürdig, das sich nicht verteidigt, das nicht alles für seine Ehre einsetzt? Aber hier beginnt das Gaukelspiel des Hasses. Die Juden haben ein Komplott organisiert! Die „Times" hat letztens die Entdeckung gemacht, daß S e r g e i N i 1 u s, der Verfasser der berüchtigten Broschüre „Eiders of Zion", ein ganz gemeiner Plagiator war. Es scheint so unglaublich und läppisch, aber es ist Tatsache, daß Anklagen, wie sie schauriger nicht die hirnverbrannte Phantasie und der düstere Fanatismus der finstersten Zeiten der Menschengeschichte ausbrüten konnte, in dieser Broschüre verbreitet und in mehrere Sprachen übersetzt worden sind. Was ist die Legende von dem jüdischen Komplott gegen Polen anderes, als dieses Plagiat? Die Friedenskonferenz hat den Minoritätenschutz auf die jüdische Bevölkerung der neuen und vergrößerten Staaten erstreckt. Bei diesem Schutz handelt es sich um vollständige Gleichberechtigung und um die vernünftig-sittlichen Ansprüche jeder ethnischen Individualität auf Freiheit der Pflege ihrer Eigenart, wobei selbstverständlich dieser Freiheitsgebrauch in Angemessenheit zu den Interessen des Staates geregelt werden muß. In Anerkennung der hohen Bedeutung dieses Prinzips hat die Regierung des tschechoslovakischen Staates, dessen Gastfreundschaft wir hier genießen, noch einen weiteren Schritt gemacht und den nationalen Charakter der jüdischen Bevölkerung anerkannt. Wir haben eine besondere Genugtuung, in diesem schönen Lande unseren zionistischen Kongreß abzuhalten. Das ehrwürdige Haupt dieses Landes, Professor Masaryk, hat uns mehrfach und seit langem seine Sympathie bekundet. (Lebhafter Beifall.) Der Minister des Aeußeren, Herr Dr. Benesch, war unser Mitkämpfer und Freund während der Friedenskonferenz. (Erneuter Beifall.) Was wir in der Diaspora anstreben, ist eine gewissenhafte Ausführung des Minoritätenschutzes. Es ist Zeit, daß man mit der Komplottriecherei aufhöre! Manche Anzeichen sprechen dafür, daß die aufgeklärten Elemente Polens die Reinheit unserer Gesinnung 3 33