Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 32 (sequence 42)
- Language
- German, English, Hebrew
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essen einzutreten. Eine solche Stellungnahme stand auch im vollsten Einklänge mit der international bestätigten Balfourschen Deklaration, in der auch von der Wahrung der Rechte der jüdischen Bevölkerung in allen Ländern die Rede ist. Mit dieser Frage hatte sich auch der Berliner Kongreß vom Jahre 1878 bezüglich der Juden Rumäniens beschäftigt. Da begann die antisemitische Hetze, die zu unserem Leidwesen auch in Polen einen völlig freien Spielraum fand. Die Legende wurde geflissentlich verbreitet, die Juden seien Feinde des polnischen Staates. Das ist eine Verleumdung und ein Unsinn. Mit Polen verbinden uns jahrhundertlange Erinnerungen wechselvoller Zeiten des Glücks und des Unglücks. Die polnische Nation war bedrängt und geknechtet und hat sich nun zur Freiheit und Selbständigkeit durchgerungen. Wenn wir die Wiederaufrichtung eines Volkes und die Wiederherstellung eines Staates begrüßen, so ist dies weder Liebedienerei noch diplomatisches Manöver; es ist einfach die natürliche Folge unserer Prinzipien. Die Grundsätze, die wir im eigenen Hause heilig halten, bleiben uns dieselben, wo immer sie uns begegnen. Was wir verdammen, ist die nie geahnte, fast beispiellose Judenhetze, die in den letzten Jahren Polen zum Schauplatz hatte. Wir wollen nicht im geringsten übertreiben. Die polnischen Pogrome sind nicht mit den ukrainischen Massakers zu vergleichen; wir wollen uns auch nicht in terminologische Erörterungen einlassen, ob all die Ausschreitungen und Ueberfälle, die in Polen stattgefunden haben, als programmäßige und regelrechte „Pogrome" zu registrieren sind oder nicht. Es kommt auch nicht auf die Zahl der verwundeten und ermordeten Juden an. Jeder auch nur an einem einzigen Menschen begangene Mord — weil er Jude ist, weil gegen ihn eine vorgefaßte Meinung herrscht, weil blinde Leidenschaft, Religions- oder Rassenhaß, Mißgunst oder Neid alles glauben läßt, wras man gegen ihn sagen mag — ist ein himmelschreiendes Verbrechen. Kommen solche Fälle oft und gruppenweise vor, sei es auf dem Wege der Lynchjustiz der Pogrome oder des Justizmordes, so ist dies ein Zustand der Barberei. Hierbei ist das wesentlichste: die Stimmung, die zu diesen Gräueln führt. Wird die Hetze systematisch geführt und die öffentliche Meinung bis zu einem solchen Grade vergiftet, daß alle Welt daran glaubt, die Juden seien heimtückische, herrschsüchtige Volks- und Staatsfeinde, so ergibt sich das Uebrige von selbst. Und wenn dieses frevelhafte Spiel mit den Leidenschaften lange getrieben wird, dann hat es auch eine starke Regierung nicht leicht, der Situation Herr zu werden. Dann hat die Regierung Angst, sie könnte als judenfreundlich verschrieen werden. Zuweilen gelingt es dann, daß die schauerlichen Vorkommnisse aufhören, aber die Stimmung bleibt und das Elend des Alltags wird fortgesetzt. Man mordet die Juden nicht mehr, aber sie werden zum Spott der Gassenjungen: man überfällt sie und reißt ihnen die Bärte aus. Dies scheint 32