Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 21 (sequence 31)
- Language
- German, English, Hebrew
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gung, Raub und Zerstörung waren an der Tagesordnung. Der wilde Haufe kannte kein Mitleid; er mordete nicht, er schlachtete Menschen, wie man Lämmer schlachtet; er tat mehr, er zerriß wie wilde Tiere — und er tat dies oftmals kaltblütig, mit allen erdenklichen Launen sadistischer Orgien, aber auch zugleich mit kannibalischer Ruhe und Selbstverständlichkeit. Er vergnügte sich damit, die Heiligtümer eines ganzen Volkes zu entweihen, seine Tempel zu schänden, seine heiligen Thorarollen zu besudeln und an seinen Todeszuckungen sich zu weiden. Die Opfer starben unter den fürchterlichsten Höllenqualen. Man mochte sich in die Zeit der Märtyrer für den Glauben versetzt fühlen, mit dem einzigen Unterschied, daß anstatt der einen „Hanna mit den sieben Söhnen" und anstatt der „Zehn Märtyrer'4, große Bevölkerungsmassen gepeinigt, hingeschlachtet und verstümmelt worden sind. Auch aus diesen Märtyrerscharen erklang noch das erhabene „Höre Israel" und mit dem Wort „Echad44 entfloh das Leben aus ihren zerfleischten Körpern. Ziehen wir einen Schleier andächtiger, heiliger Trauer über die Gräber, in denen Hunderttausende unserer Brüder zum ewigen Schlaf gebettet sind! Die Toten sind die Glücklicheren, die Ueberlebenden haben die Schmach und die Erniedrigung, die Not und den Jammer weiter zu tragen; von Tag zu Tag haben sie mit der Möglichkeit von Pogromen zu rechnen, die Angst, das Damoklesschwert hängt über ihren Häuptern, die Fundamente ihrer Gemeinden sind wie von einem Erdbeben erschüttert und durchwühlt, alle möchten sie auswandern, um ihrem Schicksal zu entrinnen, aber die meisten schlagen umsonst an ihres Kerkers Gitter. Wo war Europa? Europa schaute diesem Gemetzel mit verschränkten Armen zu, kein ermunternder Zuruf, kein Trosteswort klang den Unglücklichen entgegen. Man nahm diese Hiobsposten mit Schweigen auf, mit einem ehernen, kalten Schweigen. In welcher Zeit leben wir? Ist es wahrhaftig das letzte Säkulum des zweiten Jahrtausends? Ist es wahrhaftig die Epoche, in der die Gesittung einer zu märchenhaftem Wissen und Können gelangten Menschheit auf schwindelnden Höhen thront? Ist es die Zeit, da jedes Volk nichts Heiligeres kennt, als das Recht, da jede Partei nichts Heiligeres nennt, als die Gerechtigkeit? Und alle diese Völker, Parlamente und Senate hatten angesichts dieses Massenmordes nichts als ein Schweigen? Sind wir durch die Grenzen der Sprachverschiedenheit und der Abstammung getrennte Horden oder sind wir Nationen, denen das Recht heilig und deren oberste und hehre Pflicht es ist, über die Wahrung des Rechts zu wachen und ein Richteramt zu üben in den Dingen dieser Welt, wenn ein monströser Brudermord sich vollzieht? Mit tiefer Genugtuung und Hoffnung haben wir die Entstehung des Völkerbundes begrüßt. Wo ist er, dieser Völkerbund? 21