Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 12 (1922) Karlsbad, 1. bis 14. September 1921
- Date
- 1922-01-01
- Page
- Seite 20 (sequence 30)
- Language
- German, English, Hebrew
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sterben, ihre Nachkommen können es wieder erwerben; eine ländliche Bevölkerung mag durch die brutale Uebermacht des Feindes in die Verbannung getrieben werden, die Ueberlebenden kehren zu ihrer Heimatscholle zurück. Zermalmt können nur Menschen werden, die völlig haltlos in der Luft schweben und wie mürbes Rohr im Wind umhergetrieben werden. Ohne eigene Bodenständigkeit, als irrende Wanderer, als Ahasvere der Lüfte sind sie dazu verurteilt, die Geschichte ihrer Generationen zwischen Duldung und Verfolgung seitens anderer pendeln zu sehen, ohne jede Stetigkeit und Aneinanderhangen, die die Grundelemente jeder Kultur, ohne jede kollektive Mittelpunktgemeinschaft, die die Vorbedingung für jede kollektive Existenz sind und ohne jede Spur von Willensfreiheit oder Selbstbestimmung. Das ist die jüdische Tragödie. Hier hat sich das ganze Elend und die ganze Tragik des jüdischen Exils den entsetzten Blicken denkender Beobachter entschleiert. Eine blitzartige Beleuchtung dieser herzzerreißenden und schmachvollen Erscheinung bietet die Tatsache, daß der Krieg gegen die Juden nicht mit dem allgemeinen Krieg aufgehört hat. Im Gegenteil, das furchtbare Ungetüm des Judenhasses griff mit grausen Händen nach jüdischem Leben, jüdischer Ehre und Eigentum, als der eigentliche Weltkrieg mit der großen Weltabrechnung und der gewaltigen Korrekur der politischen Landkarte schon ein Ende erreicht hatte. Die blutigen Spuren eines nunmehr friedlichen Völkermords führen nach den Ufern des Dniepr. Das Martyrium in der Ukraine. Gräßliches, unsagbar Gräßliches ist in der Ukraine geschehen. Die blutigen, grausamen Instinkte der mittelalterlichen Judenverfolgungen, die schauerlichen Leiden, die durch die schwarze Pest hervorgerufen wurden, die Peinigungen und Foltern der Inquisition sind durch die Massen-Massakers in der Ukraine in den Schatten gestellt worden. Ja die Taten eines Nero gelten einen Tropfen gegen1 das Meer von Blut, das dort vergossen worden ist. Rotten wilder Barbaren, die jeden Zug von Menschlichkeit verloren, in denen Grausamkeit und Gefühllosigkeit keine Grenzen kennt, haben wie eine Meute blutdürstiger Bestien in ununterbrochener Reihenfolge, zuweilen auch zu wiederholten Malen, die friedliche, wehrlose, unschuldige jüdische Bevölkerung überfallen. In Hunderten von jüdischen Gemeinden wurden Blutbäder angerichtet; nicht Weiber noch Kinder oder Greise fanden Gnade. Vergebens baten sie und schrieen und wimmerten um Erbarmen; ob sie ihr Hab und Gut auslieferten oder nicht, ein Beilhieb war ihr Lohn. Das Todesröcheln unschuldig Gemordeter, das Jammern Schwerverwundeter und um ihre armselige Habe Beraubter, das Wehklagen Mißhandelter, verwaister Kinder, das Flehen der sich in Todesnot windenden Kranken war wie eine Stimme in der Wüste. Niedermetzelung, Notzucht, Marter und Peini- 20