Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 341 (sequence 348)
- Language
- German, English, Hebrew
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- 341 — aufgeworfen wurde, und ich mache daher dem A. C. den Vorwurf, daß es in den einzelnen Verbänden dies nicht mitgeteilt hat und uns so Gelegenheit geboten hätte, darüber zu beraten. Prinzipiell werden wir alle für eine Universität sein. Die Frage ist nur die, ob eine Universität jetzt nötig ist. Nach meiner Meinung ist das nicht der Fall. Präsident Wolffsohn: Herr Dr. Heinrich L o e w e hat das Wort. Del. Dr. Heinrich Loewe (mit lebhaftem Beifall begrüßt): Hoher Kongreß! Wenn wir heute mit der Universitätsfrage vor dem Kongreß hingetreten sind, so ist uns scheinbar mit Recht entgegengehalten worden: „Wir brauchen Brot, wir brauchen einen gesunden Körper, Ihr kommt uns mit Geist. Ihr wollt Kompot geben, während wir noch kein Brot für das Volk haben." Und doch ist es falsch, was hier gesagt wird. Denn die Universität ist nicht zu betrachten als Leckerbissen für die Vornehmen, sondern die Universität, wenn wir eine solche bekommen werden, ist gewissermaßen das geistige Grundelement und die Zusammenfassung des jüdischen Kulturlebens, die wir notwendig haben. Ich würde falsch handeln, wenn ich hier auf die Notwendigkeit der Universität für die russisch-jüdischen Studenten hinweisen würde, wenn ich zeigen würde, daß die russischen Studenten gejagt und verfolgt, aus Rußland und überall von den Universitäten weggehetzt werden, wie man sie in Deutschland, in Oesterreich und in Frankreich nicht mehr zulassen wird, wie in Deutschland die Universitäten für die russisch-jüdischen Studenten bereits verschlossen werden, und was noch schlimmer ist als die Schließung der Universitäten für diese Leute und ihr Ehrgefühl: man wagt es, und es wird immer mehr und mehr zum stehenden Gebrauch, diesen Studenten an den deutschen Universitäten die Worte „Schnorrer" und „Verschwörer" entgegenzuschleudern. Und dazu sind uns die jüdischen Studenten aus Rußland tausendmal viel zu gut, als daß wir sie beschimpfen ließen. Und weil wir unsere Studenten nicht beschimpfen lassen wollen, weil wir ihre Ehre als unsere eigene ansehen, darum müssen wir die Universität haben. Und wenn Sie davon sprechen, man beginnt nicht mit dem Dache — wie hier gesagt wurde —, sondern mit dem Fundamente, so ist das auch ein verkehrter Vergleich. D'ie Universität ist nicht das Dach im Kulturgebäude, sondern die Grundlage. Sehen Sie sich an, wie in Europa die Schulen entstanden sind. Die Universitäten sind die ältesten Schulen gewesen, viel, viel älter als die Gymnasien, und diese wiederum älter als die Volksschulen. Die Universitäten sind überhaupt die Geburtsstätte der europäischen Kultur und Bildung gewesen. Deshalb hat es auch jeder europäische Staat verstanden, die Universität zu werten. Und wenn jetzt in ganz Mitteleuropa die Hundertjahrfeiern als Jubiläen der Befreiungskriege begangen werden, so hat auch dabei die Universität eine wichtige Rolle gespielt. Womit hat denn der Preußische Staat die große Befreiungstat des preußischen Landes eingeleitet? Mit der Gründung der Universität Berlin. D'ie Gründung der Berliner Universität war die größte Tat vor dem Befreiungskriege zur Befreiung des preußischen Staates. Und wir kleines, schwaches Volk sollten uns an dem kraftvollen Staatsgebilde ein Musterbeispiel nehmen und uns aus dem geistigen Arsenale, das unser Volk so reichlich hat, Kräfte herausholen, um dieses Volk zusammenzuschließen, um endlich einmal ein kulturelles Zentrum zu haben, wo wir das geistige Niveau zeigen können, dessen wir wirklich bedürfen. Es gibt bei keinem Volke ein zu hohes geistiges Niveau. Und wenn wir es noch hundertmal steigern, ist es immer noch nicht hoch genug für uns. Es wird gesagt, wir müssen erst den Körper haben ehe wir an den Geist herangehen. Wir müssen erst Grund und Boden erwerben. Gewiß! Es ist richtig: Grund und Boden müssen wir haben, auf dem