Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 317)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3476254-3476276--4229-3480372- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 310 — Meine Damen und Herren! Wenn Sie dem Verlaufe der Verhandlungen hier gefolgt sind, wenn Sie an denselben sich beteiligt haben, so müssen Sie sich doch gefragt haben, welche Bedeutung hatten diese nicht bloß für uns, sondern für die große weite Welt, in welche wir hinausgesprochen haben? Welches Urteil hat man sich von unseren Verhandlungen verschaffen können, wie hat sich der jüdische Geist in dem ersten jüdischen Parlamente gezeigt? Eine Zeitlang haben wir geglaubt, daß wir wieder nichts weiter hören werden, als Geld! Geld! und wieder Geld! Es schien, als ob sich alles darauf hin konzentriert hätte, als ob wir hier zusammengekommen wären, zu feilschen und zu handeln. Aber, meine Damen und Herren, der jüdische Geist, der wahre, echte jüdische Geist, der kommt jetzt — und jetzt allein — zum ersten Male zum vollen Ausdrucke. (Lebhafter Beifall.) Wir feilschen nicht mit unserer Ehre, Wir feilschen nicht mit unserer Hoffnung, wir feilschen nicht mit unserer Seele, nein! Nach all diesen Fragen kommen wir jetzt zu der wirklichen Frage. Einer der Herren Vorredner hat im Laufe der Verhandlungen behauptet — und mit Recht behauptet —, daß von all den schönen Farben des Regenbogens sich nur der gelbe Streifen des Metalls schien 'erhalten zu haben. Gestatten Sie mir, das Bild weiter auszuführen. Es war nicht bloß der gelbe Streifen, es war der gelbe Fleck, den die Juden im Ghetto auf dem Kleide trugen, und wir sind hier zusammengekommen, diesen Fleck ein für allemal abzureißen, auszurotten, abzuwischen, vollkommen zu entfernen. Ja, dieser Fleck hängt anderen an, denjenigen, die unsere Bildung vernachlässigten, an unseren Interessen nicht teilgenommen und noch immer den Fleck tragen, den wir abreißen wollen. Wir wollen auch eine Bank, wir die nichtpolitischen in einer gewissen Weise, aber wir wollen eine Bank für den Wechselaustausch der geistigen Gemüter der Menschheit. Das ist, was wir erstreben durch eine Universität, durch eine Hochschule (lebhafter Beifall). Ein anderer Zug geht durch die Lande und die Kundgebungen, mit welchen die Verkündigung dieses Gedankens von Seiten des Herrn Ussischkin hier begrüßt wurde, die pflanzen sich wie ein Donnerhall durch die Welt fort, sie werden alles erschüttern und sie werden das erzielen, was wir bisher noch nicht erreicht haben. Man wird der Welt verkünden, daß der Zionismus keine philanthropische Bewegung ist, daß es sich nicht darum handelt, einige unserer Brüder nach Palästina als Bauern zu versetzen. Es handelt sich darum, die geistigen Ketten zu brechen, die uns bisher im Galuth gefesselt hielten, und welche die andern noch tragen. Wir stehen heute frei von diesen Fesseln. Denn was bedeutet der Zionismus? Die moralische Erlösung unseres Volkes! Das ist es, was wir der Welt sagen! Wir sind hier zusammengekommen, um unser Volk von der geistigen Sklaverei definitiv ein für allemal zu befreien. (Lebhafter Beifall.) Wir sind hier zusammengekommen, um den ewigen Interessen der Menschheit zu dienen. Geld kann ein Mensch leicht verdienen, aber ebenso leicht verlieren. Materielle Güter können wir unsern Kindern geben, aber wir können ihnen auch nicht die Versicherung geben, daß sie sie behalten werden. Die einzigen Schätze, die unveräußerlich sind, sind die Schätze des Geistes. Diese haben wir stets gepflegt und treu gehegt durch Jahrtausende. Dies ist die Bank, die wir anlegen wollen, dies ist das geistige Institut, die Schatzkammer, die wir in Palästina hinstellen wollen! (Stürmischer Beifall.) Und was wird das Resultat sein? Schon der Gedanke allein wird erlösend wirken durch die Judenheit, noch bevor wir den ersten Stein dafür in Palästina gelegt haben. Wir sehen uns um hier unter unseren Arbeitern, es sind dieselben alten Arbeiter, die jahraus jahrein die Lasten des Zionismus getragen haben und mit Freuden getragen haben. (Lebhafter Beifall.) Aber wir