Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 305 (sequence 312)
- Language
- German, English, Hebrew
- Belongs to
- journal volume
- OCR quality
- 100% known words query
- IRI
…/3476254-3476276--4224-3480367- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 305 — lassen. (Pfuirufe.) Man registriert jetzt fast gleichzeitig die traurige Tatsache und geht zur Tagesordnung über. Und dabei ist diese Tatsache in ihrer tief beschämenden Tragik noch trauriger als der Kischinewer Pogrom. Dort sind 80 Juden getötet worden. Sie sind Märtyrer für ihren Glauben und für das Judentum gewesen. Jene 80 toten Seelen bleiben uns nur zum Vorwurf und zur Schande. Sa groß aber auch die geschilderte Not sein mag, so dürfen wir uns die Tatsache doch nicht verhehlen, daß man mit einer kleinen Universität in Jerusalem noch nicht die Notlage der russischjüdischen Jugend wesentlich verbessern kann. Die Universität ist und bleibt für sie nur immer ein Palliativmittel. Aber das darf nicht verkannt werden, daß es ein Palliativmittel ganz besonderer Art ist. Ein immerhin bedeutender,, nicht zu vernachlässigender Prozentsatz unserer Jugend könnte doch eine Alma mater finden. In moralischer Beziehung wäre schon das bloße Bewußtsein, daß eine jüdische Universität besteht, für unsere Jugend eine verheißungsvolle Hoffnung, ein Trost und eine Stärkung. (Beifall.) Auf unser Projekt kann mit Erfolg und logischer Konsequenz derselbe Gedankengang angewandt werden, wie auf unsere ganze Bewegung. Wir erheben ja keinen Anspruch darauf, in naher Zukunft durch den Zionismus die Judennot zu beseitigen. Der Zionismus ist „Brot von morgen" und deshalb ist es unsere dringende Pflicht, uns schon heute vorzubereiten. Auch die Hochschule ist ein Stein in dem zukünftigen Gebäude, welches wir für das neue Judentum in Palästina errichten wollen. Damit es aber zu einem solchen auch wird, muß man jetzt schon ernstlich anfangen. Welche Aussichten eröffnen sich dem an der Hochschule Ausgebildeten! Die Türkei und der ganze Orient überhaupt sind ein gewaltiges Betätigungsfeld. Die Kapazität dieses Gebietes wird mit der Erschließung dieses Landes immer mehr steigen, und wenn der Unterricht den Forderungen des Orients angepaßt ist, so ist für den Absatz genügend gesorgt. Die Zöglinge unserer Universität werden sicher unsere besten Pioniere sein in materieller und moralischer Beziehung. Wir würden auch der Türkei geschulte Kräfte zuführen, deren sie so sehr bedarf. Eine Universität, in welcher die arabische und türkische Bevölkerung Aufnahme findet, würde aber auch die gewünschten freundlichen Beziehungen anbahnen zwischen uns und dem umgebenden Volke. Daraus ergibt sich von selbst die hohe politische Bedeutung einer Universität. Es dürfte uns nicht schwer fallen, von der ottomanischen Regierung die Anerkennung unserer kulturellen Tätigkeit zu erlangen, und das ist es, was wir sehr anstreben müssen. Wir haben ja schon zur Genüge bewiesen, und zwar mit unseren Anstalten in Jaffa und Jerusalem, daß wir imstande sind, Schulen zu gründen und zu leiten, und daß diese in ihrem Werte nicht hinter europäischen Schulen zurückstehen. Was unsere Pioniere auf dem Gebiete der Mittelschule geleistet haben, berechtigt uns zur Hoffnung, daß diejenigen, welche das Glück haben werden, an der jüdischen Hochschule in Jerusalem einmal zu lehren, mit derselben Hingebung und demselben Eifer ihre hohe Pflicht erfüllen 20