Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Journal
- Stenographisches Protokoll der Verhandlungen des … Zionisten-Kongresses … in …
- Volume
- 11 (1914) Wien, 2. bis 9. September 1913
- Date
- 1914-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 300)
- Language
- German, English, Hebrew
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— 293 — wiß soll in bezug auf die Theorie die größtmögliche Freiheit herrschen; aber es ist doch Aufgabe der zionistischen Organisation, in kultureller Beziehung eine Direktive zu geben, auf die neuen Werte hinzuweisen, neues zu schaffen und das alte vor dem Untergange zu bewahren. Und da muß ich von vornherein betonen, daß es unrichtig war, wenn Herr Böhm hier im Kongresse es getadelt hat, daß es eine besondere Organisation für die hebräische Kultur und Sprache gibt. Ich glaube, daß der Zionismus indirekt noch mehr wirken kann als direkt, und es ist unbedingt notwendig, daß es eine derartige besondere Organisation geben soll; aber das spricht doch nicht dagegen, daß gerade von der Organisation des Zjonismus aus neue kulturelle Organisationen geschaffen werden, daß der Zionismus die Maschine ist, die neue Maschinen hervorbringt, und darum begrüßen wir es, daß wir heute hier eine Reihe von Vorschlägen nach dieser Richtung hören werden. Sie haben vom „Kedem^ gehört und gerade hier in Wien, wo teilweise diese große jungjüdische Bewegung begonnen hat, in der Jugendorganisation mit dem Namen „Kadimah" — das ist diejenige, die vorwärts schreiten wollte, die sich nicht nur mit dem alten begnügt, sondern die ein lebendiges Judentum verlangt — gerade von Wien aus kann auch dieses neue Institut „Kedemu ins Leben gerufen werden und wirklich, wenn wir vorwärts schreiten wollen, so kann es nur durch eine kulturelle Tätigkeit geschehen. Denn die Kultur ist die Seele eines Volkes, ist dasjenige, was unsere Vergangenheit vor Vergänglichkeit bewahrt und zugleich eine Zukunft schafft. Das ist dasjenige, was die Vergangenheit und die Zukunft verbindet, und darum müssen wir Mittel und Wege suchen, für die Kultur des Judentums einzutreten, und da ist die hebräische Sprache das bedeutendste Organ, die hervorragendste Manifestation des jüdischen Geistes. (Lebhafter Beifall.) Die Sprache unserer Propheten und Sänger, die Sprache unserer Zukunft, sie muß auch in der Gegenwart ihre Bedeutung haben (erneuter lebhafter Beifall). Es gab daher keine bessere Einleitung für den zionistischen Kongreß als die hebräische Konferenz. Dieselbe bildete die Weihe des Kongresses und, wenn mein Freund, Herr Dr. Nacht, es beklagt hat, daß unsere Verhandlungen auf dem Kongreß nicht in hebräischer Sprache begonnen haben, was ich auch bedauere, so haben wir einen Trost, daß gleichsam die hebräische Konferenz, die Einleitung, die Eröffnung dieses Kongresses gewesen ist, daß die hebräische Sprache ihre neue Kraft hat demonstrieren, der ganzen Welt hat zeigen können, daß sie nicht mehr im alten Heim der Gelehrten lebt, daß sie nicht mehr ein trauriges Dasein im Textbuch der Prediger darstellt, sondern daß sie jung, frei, lebendig, weltlich geworden ist. (Erneuter lebhafter Beifall.) Es ist unsere Pflicht, überall für die Pflege des Hebräischen einzutreten und ich kann es als das schönste Moment des Kongresses betrachten, daß wir diesmal viel mehr hebräisch als sonst im Kongresse und auch draußen hören. Das ist der wahre Zionismus, der lebendige, der sichere, der zukünftige. (Lebhafte Zustimmung!) Ich bin kein Gegner des Jiddischen und wir alle sind es nicht; denn wir können die Sprache, in der Jahrhunderte unsere Väter geseufzt und geächzt haben, die Sprache, die leider die Massen noch sprechen müssen, nicht verachten; aber die Sprache des Geistes und die der Zukunft ist und bleibt das Hebräische. (Sehr richtig!) Und darum müssen wir jede Organisation, die dazu angetan ist, der hebräischen Sprache, die die Urquelle des jüdischen Geistes darstellt, zu dienen, fördern. Ich kann Ihnen daher nur die Kedemorganisation empfehlen. Dieser Punkt ist eine Vorbereitung dessen, was heute in der Universitätsdebatte kommen wird. Denn fürwahr, wenn wir am Grabe jenes großen Mannes gewesen sind, der das Wort ,,Altneuland" geprägt hat, der auf altem Boden ein neues Land haben wollte, können wir heute